Forn Siðr, das ist im skandinavischen Raum die Bezeichnung für die
Religion der Ahnen, für die germanische Religion. Forn Siðr heißt "alte
Sitte". Damals sprach man offenbar nicht von "Religion", so wie wir das
heute insbesondere auch mit dem Begriff des Glaubens verbinden. Also nicht "glauben, was man nicht weiß",
sondern dem die Treue halten, das man kennt und erfahren hat. Man sprach so auch von der
Sitte, dem Brauch, v.a. auch weil sich die Glaubenswelt nicht vom Sozialen oder auch dem
Bereich des Rechtes abtrennen ließ. Die Sitte umfaßte alles - und war nicht auf das
fixiert, was wir heute unter "Glauben" verstehen, sondern auf die gemeinsame Kultpraxis.
Steinbock schreibt (sinngemäß): Man fragte nicht, an
welche Götter glaubst du, sondern welchen Göttern opferst du?
Von daher kommt auch das im 19. Jahrhundert als neue Bezeichnung für den alten Glauben entstandene Wort Asatru - Asentreue, Treue zu den
Aesir und Vanir, - den beiden Göttergeschlechtern.
(Getrennt geschrieben taucht das Wort Asatru allerdings schon in Snorris Prosaedda auf).
Auf diesen Seiten wird deutlich, daß diese Sitte am besten so zu verstehen ist, daß es sich
dabei um einen kollektiven Kult einer Kultgemeinschaft handelt. Diese immer wiederkehrenden Bräuche formten
(und formen) die "Sitte", wozu auch die Kunst des richtigen Opferns gehört.
Denn zwischen Menschen und Göttern steht die êwa, ein Vertrag auf Gegenseitig, woraus eben auch eine
Opferpflicht (wie Steinbock schreibt) entsteht. Das wird im
modernen Heidentum nicht gerne gehört, doch ist es so, daß man sich im Ritual
den Göttern als ehrenhafter
Mensch oder ehrenhafte Gemeinschaft zeigt; daß man sich des Heils würdig erweist, das die Götter spenden.
Denn in bezug auf die Götter ist man überzeugt,
daß sich Opfergabe und Gegengabe gegenseitig bedingen. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Es gibt verschiedene Namen für die alte wie auch die neue Religion. Wir kennen schon Forn Siðr (Forn Sed) und Asatru. Auf das gemeinsame Opfern bezogen kommen dazu: blótdómr (Opfertum) und blótskapr (Opferschaft). Wer sich besonders zur anderen Götterfamilie, den Wanen, hingezogen fühlt, der nennt sich schon mal Vanatru. Im Deutschen wird die Asatru auch mit Asenglaube, Asentreue oder Göttertreu übersetzt. Im Nordischen spricht man auch von Nordisk Sed oder Hedensk Sed (nordische oder heidnische Sitte). Weitere Namen sind Odinismus, Theodish Belief usw. Wie die Südgermanen ihren Glauben nannten, wissen wir nicht. Am meisten wissen wir über die nordgermanische Mythologie, da es hier in Form der Eddas und Sagas eine gute Überlieferung gibt.
Ein paar Worte zum Thema Religion als solcher: Sehr aufschlußreich für eine Erstinformation ist z.B. der Text der Wikipedia [de.wikipedia.org/wiki/Religion]. Sie wird dort beschrieben als die "Vorstellung von der Existenz einer Gegebenheit (...), die über das direkt Erfahrbare hinausgeht." Interessant ist die Erwähnung, daß der auf der christlichen Traditione basierende Begriff "Glaube" nicht verallgemeinerbar sei, da es Religionen gebe, in denen er nicht existiere bzw. gar nicht das Hauptmerkmal der jeweiligen Religion sei. Und das ist bei der Alten Sitte ja genauso. Hasenfratz spricht von ’Religion’ als einem Symbolsystem, das der Kontingenzbewältigung, der biologischen und sozialen Programmierung diene und sich auf eine ’Andere Wirklichkeit’ beziehe. Symbolsystem, weil sich die ’letzte Wirklichkeit’ (Gott / Götter) nur durch Symbole ausdrücken läßt. Kontingenzbewältigung bedeutet, daß die Religion den Zufällen des Lebens eine Kohärenz gibt - eben durch den Bezug auf die letzte Wirklichkeit. Mit der biologischen und sozialen Programmierung sind sexuelle und soziale Regeln gemeint, die durch das Religionssystem verbindlich werden, wenn sie mit der letzten Wirklichkeit verknüpft werden. Religion gibt es, seit Menschen zur Symbolbildung fähig sind und diese Symbole für eine andere Wirklichkeit stehen können. Hasenfratz setzt 40000 Jahre an und schreibt, daß spätestens seit dem frühen Jungpaläolithikum Funde einen religiösen Bezug erlauben.
Nach Hasenfratz ist die Alte Sitte
als Kultreligion - im Gegensatz zur Buch-(oder Offenbarungs-)-religion - einzuordnen, deren
religiöses Symbolsystem "eidetisch-taktil" (das Seh- und Tastvermögen betreffend und
durch sie vermittelt) ist durch Kultbild und Kultstatue. Es gibt also Götterdarstellungen, während es
keine heilige Schrift gibt. Bei den Götterdarstellungen der Germanen (z.B. den Statuen im
Tempel in Uppsala oder den "Pfahlgötter" aus verschiedenen Mooren) ist
zu überlegen, ob die Gottheit als dem Bild immanent gedacht wurde oder ob eine
Verehrung des Bildes sich auf das abgebildete "Urbild", also die Gottheit,
bezog. Ich selbst stelle es mir so vor, daß über das Bild als Medium die Gottheit geehrt wird.
Hier ist wichtig, noch einmal explizit festzuhalten, daß die Alte Sitte all das
nicht kennt, was typischerweise mit einer Offenbarungsreligion verbunden wird:
Monotheismus, auf Sünde aufbauende Moral, Paradies oder Hölle nach dem Tod, Priester als Vermittler
zu Gott.
Ebenfalls festzuhalten ist, daß Kultreligion bedeutet, eine Gemeinschaft feiert und
ehrt die Götter - die Alte Sitte ist kein individueller Heilsweg, es geht um das Heil aller
an der Gemeinschaft beteiligten Sippen.
Der Fortbestand der Sippen
ist uns heilig, weil sich in ihnen vor langer Zeit unsere Götter manifestierten. Generation
um Generation geht durch das Rad des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Neue Sippenmitglieder
nehmen die Plätze der verstorbenen ein, ein ewiger Fluß (Ahnenreligion).
Die Alte Sitte kann aber auch Aspekte des dritten Religionstyps haben, der
mystischen Religion.
Dabei wird durch Versenkungsübungen versucht, die Einheit mit der Gottheit zu erlangen.
Utiseta ist z.B. so eine meditative Übung. Auch
das Blot könnte
man so erklären, da durch das gemeinsame Essen und das Essensopfer an die Götter
eine mystische Einheit hergestellt wird.
"We see ancestral heritage as an innate part of our religion.
We believe that we are connected with our ancestors, that we have duties to those ancestors
and, at the same time, that we receive blessings from the ancestors. In many early cultures,
death was seen as a semi-permeable membrane, and that the ancestors watch on.
The ancestors, in a sense, are us. We are, in a sense, them reborn."
[St. McNallen]
Die Alte Sitte wird heute von vielen Menschen im europäischen wie außereuropäischen
Raum wiederbelebt. Wenn ich also heute von der Alten Sitte spreche, dann meine ich konkret
den Versuch, die vorchristliche, heidnische Religion der Germanen für unsere heutige
Zeit wiederzubeleben. Praktisch heißt das, daß in diese Rekonstruktion
alles einfließen kann, was sich ursprünglich auf den mittel- und
nordgermanischen Raum bezieht und was sich quellentechnisch aus dem 1. Jahrtausend v.u.Z. bis zum
Ende der Wikingerzeit finden und belegen läßt. Dazu kommen noch ein paar
Dinge, die historisch nicht belegbar sind, sich aber gut in das Gesamtbild einpassen.
Die "Rekonstruktion" ist somit eine Gratwanderung, bei der man sich bewußt sein
muß, daß man niemals mehr die authentische Religion der Vorfahren zu
100% wiederbeleben kann.
Ich möchte weiterhin noch hinzufügen, daß diese Seiten auf der Basis
"herkömmlicher Wissenschaft" stehen, es gibt also weder Betrachtungen zur
"Phantomzeit" noch Diskussionen darüber, daß Tacitus’ Germania
eine Fälschung aus dem 15. Jahrhundert sein soll.
Da es keine ununterbrochene Tradition gibt, spricht man von der Alten Sitte auch als einer neuheidnischen Religion. Zudem sehe ich die Alte Sitte als eine Tradition, die in einer eher fest umrissenen (auch genetisch verwandten) Gemeinschaft von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ich spreche deswegen von einem ethnischen Verständnis der Alten Sitte. Jedes Volk der Erde hat eine solche einheimische, "indigene" Religion - die Alte Sitte ist eben der germanische Mosaikstein. Ich halte die bereits begonnene Anbindung neuheidnisch-germanischer Organisationen an den World Congress of Ethnic Religions für sehr sinnvoll. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Wer keine germanischen Ahnen hat, kann durchaus germanische Kultur und religiöse Gemeinschaft für sich wählen und einen Treuebund mit den Göttern und der Gemeinschaft eingehen. Wichtig ist dabei die Einbindung in eine Kultgemeinschaft: wer zur Gemeinschaft gehört, kann auch den Göttern opfern.
Exkurs: Aus den amerikanischen Mailinglisten schwappte die Diskussion um "folkish" und "universalist" Asatru herüber nach Deutschland und sorgte auch hier für Debatten und Streitereien. Die Anhänger des Folkish Asatru glauben, daß ihre Religion zu den nordisch-germanischen Völkern gehört und auch nur von Menschen germanischer Abstammung gelebt werden kann oder soll. Die Universalisten hingegen erleben Asatru als eine von vielen Weltregionen und es spräche in ihrem Sinne nichts dagegen, wenn beispielsweise ein Maori nun Asatruar werden wollte, ja, sie propagieren gar, daß man Asatru allen Menschen sozusagen anbieten solle. Diese Diskussionen sind aus einem einfachen Grund überflüssig: Es stellt sich nicht das Problem, daß Unmengen kulturfremder Personen nun plötzlich zum Glauben an die Asen und Vanen wechseln wollen. Es ist dies eine höchst theoretische Diskussion, die dafür umso mehr Gift versprüht. Lassen wir sie - sprechen wir von einer "ethnischen" Religion, die einen enger umreißbaren Usprung hat, aber auch anderen Menschen offensteht.
Heidnisch oder neuheidnisch wird oft als Gegenpol zum Christentum gewählt. Häufig
ist damit auch jede Religion gemeint, in der es mehr als einen Gott gibt, richtiger wäre
dann "polytheistisch".
Der Begriff Heide kommt von
gotisch haithi, was auf die griechischen Arianer zurückgehen kann, die die Goten
missionierten. In deren Bibel stand ethne für "Völker, Stämme" (lat. gentes), womit
die nicht-christlichen Völker gemeint waren, die ihrer eigenen Stammesreligion anhingen.
Der englische Begriff ’pagan’ kommt von lat. paganus, Landbewohner (von pagus = Landbezirk).
Es ist jedoch nicht so, wie vielfach zu lesen ist, daß die heidnischen Landbewohner von den
städtischen Christen so bezeichnet wurden und der Begriff dadurch seine religiöse Bedeutung
bekam. Vielmehr war pagani in der römischen Soldatensprache die Bezeichnung für
die Zivilisten und als das Christentum zur Staatsreligion und damit auch der Religion der kaiserlichen
Truppen geworden war, waren die (römischen) Zivilisten die pagani - Zivilisten eben, aber auch
Anhänger einer alten Religion. (Mehr hierzu im Text von
F. Steinbock).
Die Alte Sitte ist keine Naturreligion in dem Sinne, daß die Natur und ihre Erscheinungen als heilig verehrt werden und auch nicht in dem Sinne, daß die Germanen eine Art "frühe Ökos" gewesen wären. Allerdings ist die Natur der Urgrund des Lebens und unserer Existenz und wir achten sie. Aber selbst wenn wir an heilige Haine oder Berge denken, sehen wir nichts um uns herum als "übernatürlich" an (s. dazu auch Naturreligion). Darüber hinaus glauben wir (hier "glauben" bewußt gesetzt, nicht (Götter-)Treue) an die Existenz weiterer, nicht für jeden Menschen wahrnehmbarer Wesen in der Natur (s. Niedere Mythologie). Zum Thema "Naturreligion" findet sich auch etwas auf der Seite über das Gottesverständnis.
"The Teutonic way as we know it now was born out of the stormy and turbulent times of
these migrations (der Völkerwanderung). Although its most traceable roots
are those stemming from the original Indo-European religion, it swiftly became something
wholly unique, shaped by the harsh weather and mountains of the North, the fierce warrior
spirit of the Migration Age, and the troth (unfailing loyalty and honor) to kin and folk
without which the Germanic people could never have survived the rigors of their world. It
is to regain that strength and that troth that we who follow the way of the North struggle
each day; to reclaim the religion that grew from the souls of our ancestors and the heritage
in which we can take rightful pride. We have come far from the rocky mountains of Scandinavia
and the misty depths of the German forests, but our gods are still with us,
hidden in our souls, in our hearts - in the very days of your week - Tiw’s Day, Woden’s Day, Thunar’s Day,
Frigg’s Day - knowingly or not, we have honored them all our lives."
[Gundarsson]
Die Alte Sitte als Rekonstruktion der einstigen Religion -
kann mittlerweile auf eine recht lange Geschichte zurückblicken, die Anfang der
1970er Jahre in Island begann. Dort hat der ’religiöse Pionier’
Sveinbjörn Beinteinsson diese Religion wieder aus dem Dunkel
hervorgezogen und sogar durchgesetzt, daß
Asatru in Island wieder eine offiziell anerkannte Religion wurde
(Ásatrúarfélagið). Siehe
dazu auch das Interview G. Graichens in ihrem Buch "Die neuen Hexen".
Auch in Schweden und Norwegen sind Vereinigungen rechtlich anerkannt. Die norwegischen
Gruppen Bifrost und
Forn-Sed.org dürfen z.B. rechtlich wirksame
Zeremonien wie Eheschließungen durchführen - eine von diesen Gruppen geschlossene
Ehe ist genauso "offiziell" wie die von einer christlichen Kirche geschlossene.
In Deutschland ist derzeit ein Aufbruch zu erkennen: "Asatruar" schließen
sich in eingetragenen Vereinen zusammen, um ihre Form "germanischer Religion"
zu leben. Ich halte hier für den deutschsprachigen Raum v.a. den Verein für Germanisches Heidentum
und den Eldaring
für erwähnenswert.
Der Isländer Sveinbjörn Beinteinsson wurde am 4. Heuert 1924 als Sohn des Bauern Beinteinn Einarsson (aus Litlabotni am Hvaljarðarstroend) und der Helga Pétursdóttir (aus Drághals in Svíndalu) geboren. 1972 gründete er den Ásatrúarfélag, die heidnisch-nordische Organisation Islands, der er bis zu seinem Tod am 24. Julmond 1993 als oberster Gode (Allsherjargóði) vorstand. Beinteinsson war auch führender Vertreter der Edda-Rezitatoren im rímur-Stil. (s.a. Anerkennung in Island)
Inoffiziellere Formen sind "Clans" oder "Sippschaften", in denen die Jahresfeste gemeinsam gefeiert werden (im Englischen ’kindred’, ’hearth’ oder ’garth’). Ich halte von diesen "künstlichen Sippschaften" nicht soviel. Das liegt daran, daß ich den Begriff ’Sippe’ im traditionellen Gewand sehe und ihn im Zusammenhang mit einer Ahnenreligion sehe. Sippe ist die natürliche Gemeinschaft miteinander verwandter Individuen. Alles andere fällt eventuell unter felag (eine Art Interessengemeinschaft, Begriff aus der Wikingerzeit). Das Ziel der Alten Sitte muß jedoch sein, wieder echte, heidnische Sippen zu haben, die zusammenstehen und ihre Werte an die jeweiligen nachfolgenden Generationen weitergeben.
Positiver beurteile ich ein Schlagwort, das seit ein paar Jahren die Runde
vor allem in den Diskussionen der amerikanischen "Asatruar" macht:
Tribalism. Gemeint sind damit
Gemeinschaften, die von einem ganz engen Band der Freundschaft und Gegenseitigkeit
zusammengehalten werden und die dadurch neu gegründeten "Stämmen"
gleichen. Somit stehen diese Gemeinschaften zwischen dem lokalen
"kindred" (als oft recht zusammengewürfelter Gruppe) und der überregionalen,
durchorganisierten Vereinigung. Ziel sind "community minded groups" mit
gemeinsamer Identität. Um dies zu erreichen, müssen die Mitglieder eng
zusammenarbeiten und darüber hinaus solche Personen fernhalten,
die dem "tribe" schaden würden. Deswegen ist die Selektion bei der Aufnahme
ein besonderes Kriterium des Tribalism. Gemeinsame Identität wird durch miteinander
harmonierende Mitglieder, gemeinsame Riten und Traditioen oder auch einen
spezifischen Moralkodex erreicht. Über die Organisationsstruktur schreibt
Swain Wodening (dort auch weitere Infos):
"Inherent in tribalism structurally are 1) an elected head or chief. 2)
A democratically run tribal council. The chief can be elected for a term
or life, and the council can take the form of a representative council
or the entire adult oathed membership. This is the true core of neo-tribalism.
Nothing else needs be added to the structure of the organization to make it
tribal."
Als gelebte Religion bedeutet die Alte Sitte das Abhalten von Ritualen an den Festtagen im Jahreskreis. In diesen Ritualen werden die Gottheiten kontaktiert und die Bindung zwischen ihnen und den Menschen erneuert. Dabei gibt es zwei Hauptritualformen: das Blot und das Sumbel. Dazu mehr auf den Seiten über Feste und Rituale. Weiterhin kommt eine grundsätzliche Einstellung zum Leben und zu Werten dazu, die ich auf meiner Seite über Ethik darlege.
In seinem Buch Northern Magic teilt Thorsson die wiederbelebte, nordische Religion in drei Bereiche auf: Den im eigentlichen Sinn religiösen Weg, der mit dem Glauben (Treue!) an die Götter und Verbundenheit mit germanischer Kultur einhergeht, nennt er Troth. Dazu gesellen sich zwei magische Bereiche, zum einen Rune-Galdor, die mit Odin verknüpfte, eher intellekt-betonte Runenmagie, und zum anderen Seidhr, die intuitivere, trance-artige, mit Freya verbundene Seidhr-Magie. Daß diese Einteilung (zumindest die Zuordnung von Seidhr als "weiblicher Magie") falsch ist, hat Kurt Oertel in seinem Artikel zu Seidhr belegt.
Die Alte Sitte ist in dieser Hinsicht nicht nur Religion, sondern Lebensweise und -auffassung, mithin auch Gegenkultur zur "mainstream"-Gesellschaft. Zyklisch wiederkehrende Jahreszeitfeste, Kontakt zur Erde und den alten Göttern und Ablegen des Christentums, natürliche Riten und die Betonung einer auf Selbstverantwortung, Ehre und Sippengedanke fußenden Ethik müssen zur Umwälzung der Lebensumstände des Individuums (mithin seines Umfeldes, seiner Sippe) führen. Heraustreten aus der Masse, mündig werden, sich den Mysterien von ethnischer Spiritualität und Bestimmung öffnen, das sind die Ziele, auf die die Alte Sitte nach dem Verständnis des Autors programmatisch hinweist.
"Mag der heiße Süden locken
mit der Trauben edlem Wein,
mit der Blüten zarten Flocken
und mit stetem Sonnenschein.
Meine Liebe gilt dem Norden,
seinem sturmumwehten Strand,
wo des Bernsteins goldne Orden
leuchten aus dem Dünensand,
wo die mächtgen Riesenföhren
ragen wie ein Mastenwald,
wo die rauhen Winde röhren
und die Lüfte herb und kalt,
wo der Fluß in Winternächten
mit des Eises Panzer klirrt,
und, beschwingt von Frühlingsmächten,
Kranichpfeil nach Norden schwirrt,
wo der Elch trägt seine Krone
majestätisch durch den Forst
und auf schwankem Wipfelthrone
wiegt sich kühn der Falken Horst,
wo die weißen Nächte schimmernd
durch den kurzen Sommer gehn
und des Nordlichts Fahnen flimmernd
hoch vom dunklen Himmel wehn ...
Mag der Süden lockend winken
mit der Palmen Fächerhand -
seinen Wein will gern ich trinken
auf dein Wohl, mein nordisch’ Land!"
[R. Jacquemien, ’Bekenntnis’]