Bisher habe ich auf diesen Seiten nur allgemeine Rituale oder die Jahreskreisfeste beschrieben. Ein dritter Bereich fehlte: die persönlichen Feste. Dazu gehört (in zeitlicher Abfolge eines Menschenlebens) die Kindesweihe, das Erwachsenwerden, die Hochzeit und die Bestattung. Dieser soll nun hier vorgestellt werden.
Alternative Bezeichnungen: Lebensleite, Lebensweihe, Wasserweihe, Namensgebung
Dieses Fest entspricht der christlichen Taufe. Nur wird dabei das Kind nicht einer religiösen
Organisation "vermacht", sondern es erhält seinen (aussagekräftigen) Namen und
wird in die Sippe aufgenommen.
Hier liegt das germanische Verständnis zugrunde, daß ein Kind, das schon geboren ist,
solange nicht zur Sippe gehört, bis es offiziell vom Vater in diese aufgenommen wurde.
Traditionell hat man 9 Tage Zeit.
Aus der Wikingerzeit wissen wir, daß die Mutter das Kind nach der Geburt dem Vater brachte, der
es auf Gesundheit beurteilen mußte und es annehmen oder ablehnen konnte. Kranke oder behinderte
Kinder wurden damals durchaus ausgesetzt, was aber nicht zwingend war. Der Vater entschied darüber,
aber das Aussetzen war nicht mehr erlaubt, wenn das Kind bereits Nahrung zu sich genommen hatte.
Gundarsson beschreibt ein modernes
Kindesweihesritual, das aber noch die mögliche
Aussetzung des Kindes in den gesprochenen Worten führt.
Auch heute noch ist es ein schöner Brauch, wenn das Sippenoberhaupt (zumindest aber der Vater), das
Kind in einem kleinen Ritual in die Sippe aufnimmt.
Die Weihung
mit Wasser scheint üblich gewesen zu sein, so wie auch die
Christen mit Wasser taufen, wobei die Christen den Täufling komplett unter die Wasseroberfläche
tauchten, während die heidnische Wasserweihe ein Besprengen mit Wasser meint.
Wasser (hier mit der Rune Laguz
identifiziert) steht für Reinigung. Dazu schreibt Oertel:
"Dass die Wasserweihe bei Neugeborenen ein heidnisches Ritual ist, wird
zunächst am indoeuropäischen Vergleichsmaterial klar, zweitens an den komplizierten
Rechtsfolgen des Ritus ... und drittens haben wir eine sehr unverdächtige Quelle in einem
Brief Papst Gregors d. Gr. an Bonifatius, in dem über das Faktum einer bei den germanischen
Heiden praktizierten ’Taufe’ lamentiert wird."
Die Wasserweihe wird auch in Rigsmal (Rigsthula) 7 und 21 erwähnt.
Zum Namen:
Anhänger der Alten Sitte sollten überlegen, dem
eigenen Kind einen Namen germanischer Herkunft zu geben. Früher war es wohl
üblich, den Namen erst spät zu vergeben. Man beobachtete das Kind erst
gründlich und versuchte, aus seinem Verhalten
einen passenden Namen zu erschließen. Das ist heute aus meldepflichtigen Gründen nicht mehr
möglich. Also sucht man vorab einen Namen. Schön ist es auch, Namen verstorbener Sippenmitglieder
zu vergeben. Damit lebt ein beliebtes, wertvolles Sippenmitglied in dem Kind und in der Sippe weiter
(s. auch Ausführungen zu Tod und ’Wiedergeburt’).
Alternativ kann man das Kind mit einem Namensteil seiner Schutzgottheit benennen, bei Thor z.B.
T(h)orste(i)n oder Thorwald. Man kann auch zwei oder mehrere Namen vergeben (z.B. einen
"weltlichen", will heißen modernen,
und einen "religiösen", so daß das Kind später selbst wählen kann, wann
es wie genannt werden möchte.
Aus dem bisher geschriebenen ergibt sich nun, daß man sich ein
Ritual ausdenkt,
das idealerweise in der Natur an einem See oder kleinen Bach
stattfinden sollte. Man ruft die Götter
an, bittet sie um Schutz der Familie / Sippe, opfert ihnen. Es ist unter Umständen auch
angebracht, an dieser Stelle noch einmal den Nornen
bzw. der Norne zu danken, die zur Geburtsstunde
des Kindes anwesend war. Man kann eine spezielle Gottheit um den
Schutz für das Kind bitten. Dann taucht der Vater das Kind ins Wasser
und nimmt es mit einem formellen Spruch in die Sippe auf. In diesem wird auch der Name des Kindes
genannt und vielleicht auch kurz erklärt.
Es kann auch Sinn machen, die christliche Sitte des Taufpaten, hier Treumund genannt,
aufzunehmen. Da ursprünglich die ganze Sippe hinter einem Neugeborenen stand, war das
in historischer Zeit nicht wichtig. Vielleicht ist es gerade der sippenzerreißende
Einfluß des Christentums, der die Institution Pate notwendig machte. Natürlich
kann es heute vor dem Hintergrund einer meist fehlenden, heidnischen Sippe als
Stütze sinnvoll sein, einen heidnischen Treumund für das Kind auszuwählen,
der einspringen muß, wenn die Eltern nicht mehr für das Kind sorgen könen.
Umfangreiche Gestaltungsvorschläge bei B. Ulbrich.
"Lausche den Stimmen der Ahnen,
werde im Schicksal nicht klein,
wenn es mit rauschenden Fahnen
groß und gewaltig will sein.
Wenn es mit dunklen Gewalten
über dich kommt mit Macht,
suche das Wir zu gestalten,
stoße das Ich in die Nacht.
Lerne den Nacken zu steifen,
schwinge den Hammer, faß an.
Leben heißt Kämpfen und Reifen.
Wachse zum Bruder, zum Mann!
Fruchtlos bleibt Beten und Flehen,
säest du nicht selber die Saat.
Zeichen und Wunder geschehen,
wenn du bereit bist zur Tat."
[Fritz Michel, ’Dem Kinde’]
Unseren ältesten Sohn weihten wir am
22. Brachet 2002 im Rahmen der Mittsommerfeier des
Vereins für germanisches Heidentum. Der Gastgeber schützte den Platz mit einem
Hammerritus. Als Vater sprach ich eine Einleitung und
las den unter diesem Absatz zitierten Text. Die Mutter bereitete im Anschluß die
"heilige Mitte" vor, einen kleinen Altar im Gras, auf den die notwendigen Gegenstände sowie Schmuck
plaziert wurden. Dazu gehörten Kerzen, Symbolgebäck, Runengebäck (Name des Kindes
in Runen), meine Runen, der Geburtstagsrunenring
unseres Sohnes u.a. Die Mutter übergab das Kind
mir und ich rief Donar an. Der Tenor der
Anrufung war der, daß wir unseren Sohn Donar weihen und
diesen bitten, das Kind auf seinen Wegen zu schützen. Die "Schankmaid" brachte ein Horn voll Met,
ich opferte Donar und trank. Nun hielt die Mutter mir die Schale mit dem Wasser hin, das der Gastgeber
vorab aus der Weitersfelder Heilquelle (Oberösterreich) geholt hatte. Mit diesem Wasser weihte ich
das Kind, gab ihm seinen Namen, den ich im Anschluß runisch interpretierte und den Anwesenden
erklärte, und nahm meinen Sohn in die Sippe auf.
Den Abschluß bildete die Geschenkübergabe an den Kleinen: Von uns erhielt er
den Runenring, der an den Geburtstagen mit je einer weiteren Kerze bestückt wird, und ein
Symbolgebäck, das die Mutter den Sinnbildern entsprechend erklärte. Der Gastgeber schenkte
ihm einen Thorshammer, seine Frau Filzpantöffelchen. Von anderen Mitgliedern des OR
erhielten wir weitere kleine Geschenke.
Ein sehr schöner Symbolismus entstand dadurch, daß ich als Vater meinen eigenen, kleinen
Thorshammer im vergangenen Scheiding an den Externsteinen
geopfert hatte, während nun
mein inzwischen geborener Sohn vom Gastgeber einen eigenen Thorshammer geschenkt
bekam. So schloß sich der Kreis in sinnvoller Weise.
"Bisher war ich der letzte in der Reihe meines Geschlechtes. Nun ist die Reihe durch dieses Kind
über mich hinausgewachsen. Ehrwürdige Ahnen! Mütter und Väter unseres Blutes!
Wir denken an euch! Ehe ein jeder von euch zur Erde heimging, hat er sein Leben durch seine Kinder
an uns hergereicht. Jeder von euch, ihr Mütter und Väter vor uns, verging. Und doch
lebt ein jeder fort in mir - und in meiner Frau. Wieder geschah nun Geburt. Aus dem Ewigen, durch euch -
durch uns - hinein in die Zukunft. In diesem Kinde überwanden wir schon jetzt den Tod.
Mein Herz ist voll der Wünsche für dich, mein Kind, und voll der Hoffnungen. Jeder wird
freilich, wie er werden muß, denn keiner kann aus seiner Art. Jedoch schon unsere Liebe und
Wahl war der Wunsch, in unseren Kindern besser und glücklicher zu werden."
[B. Ulbrich]
Unseren zweiten Sohn weihten wir am 19. Brachet 2004 auf dem (damaligen) Kultplatz des VfGH-Süd bei Reisbach in Bayern. Ich verlas das obenstehende Gedicht (von F. Michel), wandte mich an die Nornen und an Freyr, den ich um Schutz bat. Nach der Wasserweihe wurden die Namensrunen gesungen und jeder Teilnehmer entzündete eine Kerze, was er mit einem Wunsch für Ansgar verband.
"Wer dem Leben
hingegeben
seine junge Seele weiht,
wächst wie ein Baum
auf in den Raum,
greift in die Helle,
ästelt sich in die Unendlichkeit.
Doch was er auch werde,
Wurzel und Quelle
bleibt ihm die Erde"
[W. Heymann, ’Knabe’]
Alternative Bezeichnungen: Jugendweihe, Jugendfeier, Erwachsenwerden
Nun brennt die 12. Kerze auf dem Runenring, den das Kind zur Kindesweihe erhalten hat.
Mit 12 Jahren ist somit ein Übergang gekommen, der auch historisch mit diesem Alter in Verbindung gebracht wird.
Beispiel: Im Hunnenschlachtlied heißt es:
"Alle Männer brachen auf - zwölf Winter alt oder älter -,
die für einen Feldzug waffenfähig waren ..."
(nach Genzmer)
Ich halte zwei Ansichten zu diesem Termin für wichtig: Zum einen ist nun der
Zeitpunkt gekommen, an dem der junge Mensch sich aus der passiven Haltung des
Versorgtwerdens herauslösen sollte und zu einem aktiv zum Sippenwohl
beitragenden Menschen werden sollte. Zum anderen empfinde ich es so, daß die
Kindheit dadurch gekennzeichnet ist, daß man viele Geschichten über die
Götter oder die Mythologie im allgemeinen hört und rezipiert. Jetzt aber
sollte der junge Mensch aktive Gotteserfahrung suchen und sich auf diese
Götter seiner Ahnen einlassen. Das ruft nicht unbedingt, aber doch
vernehmlich nach einem Initiationscharakter dieser Jugendleite. Auch wenn in
früherer Zeit die Mündigkeit v.a. mit der Waffenfähigkeit
verbunden war, so denke ich, daß man heute nicht vom 12-Jährigen als
"Erwachsenem" sprechen sollte. Die Jugendleite ist die Einleitung
der Jugendzeit und niemand wird ernsthaft erwarten, daß ein solch junger
Mensch sich mit Erwachsenenmaßstäben messen lassen muß.
Ulbrich drückt es sehr gut aus, wenn er im Zusammenhang mit der Jugendleite von der "Erhöhung durch die Gemeinschaft der Sippe" spricht. So ist diese Feier der kraftvolle Eintritt des Kindes in eine Zeit, in der es nicht nur eine neue Rolle in der Sippe einnimmt, sondern auch sich und seinen Körper völlig neu erleben wird. "In der heidnischen Jugendleite sind die Kraft, die sexuelle Fülle und die Lebensfreude im Ritual konzentriert - die Konfirmation der Christen dagegen zwingt den jungen Menschen zur Huldigung und Unterwerfung unter das Dogma eines Buches." (Ulbrich)
Für den Ablauf der Jugendleite schlage ich vor, zwischen einem
Initiationsteil und einem
Ritualteil zu unterscheiden. Die Initiation (man kann
auch andere Begriffe verwenden, wie "Visionssuche") sollte bedeuten,
daß der junge Mensch in Begleitung eines sichernden Erwachsenen für eine oder
mehrere Nächte in den Wald (Gebirge ...) zieht und sich dort meditativ mit
seiner neuen Rolle, seinem neuen Lebensabschnitt, beschäftigt. Er sollte auch,
wenn er das wünscht, versuchen, mit den Göttern Kontakt aufzunehmen.
Idealerweise sollte der Vater bei einem Jungen, die Mutter bei einem Mädchen
als Ansprechpartner im Hintergrund anwesend sein.
Am Tag nach der letzten Nacht findet dann ein Ritual statt, das als normales
Blot ausgelegt sein kann, aber folgende zusätzliche Elemente beinhaltet:
eine Art "Gelöbnis" des jungen Menschen (Bekenntnis zur Gemeinschaft),
das Entzünden eines Feuerstoßes und das Verbrennen eines Relikts aus
der Kindheit. Den Abschluß bildet die Übergabe einer "Waffe",
worunter ich z.B. ein wertvolles Messer verstehe, das den Jugendlichen
(und auch Erwachsenen) auf seinem Lebensweg begleitet. Thorsson spricht davon,
daß es idealerweise ein Erbstück sein sollte, das nun z.B. von den
Großeltern auf den jungen Menschen übergeht: "It is then seen how
the fetch (die Fylgja, V. Wagner) actually ’rides’ into the lives of the
offspring through these symbolic objects." (Thorsson).
Beim Gelöbnis werden die Ahnen zur Teilnahme am Blot gerufen und der Jugendliche
sollte selbst entscheiden, welche Gottheit er bei diesem Ritualteil anrufen möchte.
Die Worte, die der Junge bzw. das Mädchen dann spricht, möchte ich nicht
vorgeben, aber ich könnte mir etwas in dieser Art vorstellen: "Bei
Donar, meinem Schutzgott, der mich seit meiner Kindesweihe begleitet hat,
gelobe ich, als vollwertiges Mitglied meiner Sippe stets darauf bedacht zu sein,
das Sippenglück und die Sippenehre zu mehren und Unheil von meiner Sippe
abzuhalten. ..."
Es ist im übrigen auch eine schöne Sitte, wenn der Jugendliche sich zu
diesem Anlaß einen religiösen Namen aussucht, den er fortan tragen
wird.
Alternative Bezeichnungen: Hochzeit, Eheweihe
Bei diesem Thema ist es ganz wichtig, den heidnischen Hintergrund zu erfassen:
Bei der Ehe / Hochzeit handelt es sich nur sekundär um die Verbindung zweier sich
liebender Menschen zu einer neuen Familie. Primär ist es die Verbindung zwischen
zwei Sippen - mit all den Implikationen, die das hat.
Es handelt sich dabei um einen Vertrag - Ehe kommt von êwa, dem Vertrag auf gegenseitige
Treue. Deshalb halte ich die ausschließlich heidnische Ehe auch nicht für sinnvoll - die
Ehe sollte schon der gegenseitigen Ansprüche wegen auch standesamtlich geschlossen werden.
Die beiden Individuen, die sich das Ja-Wort geben, sind jeder Teil einer Sippe und die Hochzeit
verbindet beide Sippen letztlich auch mit dem Gemeinwesen.
Etwas einseitig ausgedrückt findet sich das bei
Hasenfratz: Die
Hochzeit ist ein "Adoptionsritual", bei dem eine
sippenfremde Person in die Sippe des Mannes aufgenommen wird. Man müßte hier
hinzufügen, daß die Frau natürlich Mitglied ihrer Herkunftssippe bleibt.
Die Vision für uns moderne Menschen, die der Alten Sitte anhängen, ist die,
daß wir bestrebt sein sollten, heidnische Sippen zu einem neuen Netzwerk zu verbinden.
Direkt nach diesem Sippenaspekt kommt der Aspekt der Fruchtbarkeit. Bereits zum Zeitpunkt
des Eheversprechens wurde mit vielerlei Symbolik versucht, die Fruchtbarkeit der neuen
Familie zu beschwören. Ein heute noch bekannter Brauch, das Streuen von Reis, ist
in diesem Sinne zu deuten, obwohl Reis eher in Indien gestreut wurde, bei uns
Getreidekörner. Dank Uncle Ben’s haben wir aber eher Zugriff auf Reis als auf
Getreidekörner.
Den Ablauf einer heidnischen Eheleite kann man sich so vorstellen: Man sollte sich
zunächst überlegen, ob man einen Brautlauf machen möchte, ob also der
Mann die Frau symbolisch einfangen muß. Das wird bei Heiden gerne praktiziert,
ich hingegen erachte den Brauch nicht als notwendig, weil die Verbindung der beiden
Sippen ja bereits vorher ausführlich besprochen wurde.
Man bereitet einen Ritualplatz im Freien vor, an dem sich beide Sippen (und Freunde)
einfinden. Die Sippen stellen sich getrennt voneinander auf.
Braut und Bräutigam kommen in Begleitung ihrer Trauzeugen, aber getrennt, zum
Platz. Sie treffen sich dort und der Bräutigam geleitet die Braut zum Zentrum
des Platzes, wo der Kultleiter wartet.
Vor der Zeremonie, dem eigentlichen Ja-Wort, geht die Braut zur Sippe des künftigen
Mannes, stellt sich symbolisch vor und bittet um das Einverständnis zur Heirat.
Der Mann geht seinerseits zur Sippe der Frau und bittet um die Hand der Tochter.
Dann treten die Väter beider als Vertreter der jeweiligen Sippen vor und
geben sich die Hand. Das Paar tritt zum Kultleiter, ihre Hände werden symbolisch
mit einem Runenband zusammengebunden.
Die beiden schwören sich die Treue, wobei
man z.B. den schönen Spruch aus der Edda (Sigrdrifomal, nach Genzmer)
nehmen kann: "Das schwöre ich, daß ich dich zum Weibe haben will;
du bist nach meinem Herzen." Worauf die Frau antwortet: "Dich will ich am
liebsten haben, und könnt ich unter allen Männern wählen." (Im Lied
wird dann noch darauf hingewiesen, daß beide diese Aussagen mit Eiden
bekräftigten.) Sehr schön auch die Textanregung bei Ulbrich:
Bräutigam: "Willst du meine Gefährtin sein auf dem Weg des Lebens, meine
Freuden sowie meine Prüfungen teilen und - unter unserer Sonne - den Geist
unserer Vorfahren atmen?" Die Braut antwortet: "Ja, das will ich ..." und
hängt die gleiche Frage wie oben an, die der Mann ebenfalls mit Ja beantwortet
(bzw. beantworten sollte ;-).
Der von mir verwendete Spruch lautet in Anlehnung an Bergthoras Zitat aus der Njals saga ("Ein
Schicksal soll uns beide treffen."): "Ich schwöre dir, [Name], Treue auf Lebenszeit. Als dein Mann / deine Frau
möchte ich deinen Lebensweg mit dir gehen, auf daß letztlich ein Schicksal uns vereine. Mögen unsere Ahnen uns
schützen, jeder Jahreskreis uns voranbringen. Möge die Sonne uns verwöhnen und Mutter Erde unter unseren Füßen
nie schwanken."
Der Kultleiter ruft die Göttin War an, die
Göttin, der Gelübde,
speziell aber Eheversprechen, heilig sind. Andere Anrufungen können hinzugenommen
werden. Es sollte gerade im Hinblick auf die Verbindung zweier Sippen auch daran
gedacht werden, die Ahnen beider anzurufen und sie zu bitten, die Verbindung
zu schützen.
Der Kultleiter weiht die Verbindung dann mit einem Thorshammer. Mann und
Frau tauschen die Ringe.
Es folgt ein Sumbel, das vom Paar begonnen wird. Die getrennt aufgestellten Sippen
vermischen sich und reichen das Horn herum.
Die Braut erhält von der Mutter des Bräutigams einen Schlüsselbund,
der ihr die "Hausgewalt" gibt und sie gleichzeitig in den Stand der
verheirateten Frau aufnimmt. Anschließend wird gefeiert. Auch der Bräutigam
sollte von der Sippe seiner Frau ein Geschenk erhalten. Es ist auch üblich,
den neu Verheirateten Brot und Salz zu schenken. Mit dem Salz wird das Festmahl
gewürzt, das Brot wird vom Paar dazu gegessen.
Was man hinzufügen kann: Das Thrym-Lied (Edda)
dokumentiert den Brauch, einen Thorshammer in den Schoß der Frau zu legen
(Fruchtbarkeitssymbol).
"Her mit dem Hammer, zu weihen die Braut! Leget
Mjöllnir der Braut in den Schoß! Gebt uns zusammen im Namen der War!" (nach
Häny)
Das gleiche Lied dokumentiert den Brauch, die Bänke zu bestreuen oder mit Tüchern
zu belegen. Laut Häny wie auch Genzmer nahm man z.B. Wacholder dazu.
Man kann auch noch folgenden Brauch einfügen: Vor der eigentlichen Verbindung
des Paares durch den Kultleiter sprechen die Trauzeugen positive Dinge jeweils über
die Frau bzw. den Mann, preisen also deren Qualitäten (symbolisch für die
jeweils andere Sippe).
Ulbrich weist noch auf den
Brauch der Herdfeuerumschreitung hin. Diese (dreimalige) Umschreitung des Feuers sei
im ganzen indogermanischen Raum bekannt; da sich aber die Herdtypen verändert
hätten, würde man heute den Blütenkranz der Braut als Opfer im
Feuer verbrennen.
Zum Hochzeitstermin verweist er auf den Frühsommer mit zunehmendem Mond.
Ein sehr schöner Brauch ist der Familienleuchter, analog zum Runenring für
das Neugeborene. Der meist aus Holz gefertigte Leuchter, Sinnbild der neuen
Familie, wird von Trauzeugen überreicht.
Gundarsson spricht von der
Übergabe eines "ancestral swords", einem
Schwert als Familienerbstück sozusagen, das der Bräutigam von der Mutter
erhielt und es nun an seine Frau weitergibt. Dies tut er mit den Worten:
"I bring you this sword, the soul of my line, bear it well, my bride!
In battle and frith to be by your side,
as shall I stand by you aye.
On these rings my oath I swear: love and worship to my wife." (das bei
Gundarsson beschriebene Ritual ist grundsätzlich sehr schön.)
Im übrigen beschreibt das
Buch "Die Hohe Zeit" von Gerwin / Ulbrich
beschreibt sehr schön verschiedene Hochzeitsbräuche. Eine Hochzeit im
Stil des Eldarings findet sich in dessen Herdfeuer-Heft Nr. 6 (2. Jhg. 2004, Eigenverlag).
"Wind vom Acker und vom Korn klopft an unsere Mauer,
Wiege knarrt ihr altes Lied, horch, du junger Bauer.
Wind vom Wald geht um das Haus, soll dich von ihm grüßen,
Wiege knarrt ihr altes Lied unter meinen Füßen.
Denn so lang du weitergehst, stehen diese Mauern,
denn bei deinem alten Lied werden wieder Bauern."
[unbek., nach ’Ulbrich’]
"Hella, ready the bench, set a shield of gold over your ale;
set a fine feast, for a worthy guest comes to your hall."
[Gundarsson]
Alternative Bezeichnungen: Bestattung, Totenweihe, Sterbensweihe
Hier ist es sinnvoll, zunächst einmal etwas über die Vorstellung von Tod / Weiterleben / Wiedergeburt
der Germanen zu lesen. Dadurch erhält man Informationen,
die einem die Überlegungen und Entscheidungen zur Frage des Umgangs mit dem (auch eigenen) Tod
erleichtern.
Da wäre zunächst einmal die Form der Bestattung, aufgeteilt nach Körperbestattung (Erdbestattung)
oder Feuerbestattung. Auch bei der Seebestattung wird die Leiche vorher verbrannt, die Urne
wird dann ins Meer gegeben, wo sie sich auflöst. Nun kann man nicht sagen, daß die Feuerbestattung
die typisch heidnische ist, obwohl dies z.B. die Gräberfelder von Birka
zu bestätigen scheinen, wo Körpergräber solche von Christen und Urnengräber solche von Heiden sind.
Letztlich ist es aber so, daß wir heute nicht mehr in einem germanischen Stammesverband leben und
somit auf die in unserer Gesellschaft angebotenen Bestattungssitten angewiesen sind.
Thorsson meint, daß diejenigen, die sich eher
zu den Asen hingezogen fühlen, eher die Feuerbestattung
wählen würden, wohingegen die Wanen-Freunde eher die Erdbestattung wählten.
Ich denke jedoch, daß man durchaus sagen kann, daß die vielerorts angebotene anonyme
Feuer- oder Erdbestattung nicht für einen Heiden in Frage kommt. Schließlich geht es doch um
den den Tod überbrückenden Sippenzusammenhalt - da muß ich doch wissen, wo meine Ahnen
bestattet sind (in diesem Sinne ist auch die Seebestattung problematisch).
Die Erdbestattung erfolgt in unserem Land auf den üblichen Friedhöfen. Auch die Urne mit der Asche
kann dort beigesetzt werden. Eine Alternative sind die Friedwälder
[www.friedwald.de]: hier wird (in Deutschland)
die Urne unter einem Baum vergraben, wo sie sich in wenigen Wochen zersetzt. Man beachte aber,
daß es sich bei Friedwald nicht um eine heidnische Bestattung handelt. Die Betreiber legen
Wert auf Überkonfessionalität. Im übrigen habe ich auf eine E-Mail-Anfrage bzgl. der
Anbringung z.B. runischer Zeichen oder eines Thorshammers keinerlei Rückmeldung erhalten. :(
Schon aus dem bisher Gesagten wird deutlich, daß derjenige, der sich der Alten Sitte verpflichtet
fühlt, ein möglichst eindeutiges Testament schreiben sollte. Heute gibt es auch weitere "Instrumente",
seinen Willen kundzutun, z.B. die Vorsorgevollmacht (wer soll für mich handeln, wenn ich es
nicht mehr kann?), die Betreuungsverfügung (wer soll für mich als Betreuer bestellt werden?) oder
das Patiententestament (wieviel High-Tech-Medizin möchte ich im Notfall haben?). Für diese Dinge
gibt es auch Vordrucke - einfach mal im Netz danach suchen.
Charakteristischer für unsere Vorfahren als die Bestattungsform ist die Grabbeigabensitte, die
mit der Christianisierung abrupt abbrach.
Man ging offenbar davon aus, daß der Tote in seiner nachtodlichen Existenz auf Waffen, Kleidung,
Schmuck und Nahrung angewiesen sein würde. Deshalb findet man all diese Dinge in Gräbern. Der
oben schon erwähnte Thorsson erklärt:
"Each of these items, just like the body being interred, has a subtle essence
as well as an outer physical form. It is in the subtle, symbolic qualities that
the true importance of the grave goods are to be found."
Neben der Art der Beigaben ist ersichtlich, daß Umfang und Wert den sozialen Status des
Verstorbenen widerspiegelten. Man denke z.B. an das üppig bestückte Oseberg-Schiff, die letzte Ruhestätte
der vermutlichen Ynglinge-Königin Åsa, das 834 auf Land gezogen
und mit einem Erdhügel bedeckt wurde.
Und hier haben wir nun ein Problem: Heute dürfen solche Beigaben nicht mehr vorgenommen werden.
Selbt bei der Einäscherung im Krematorium ist es m.W. wegen der Möglichkeit von Schadstoffentwicklung
durch die Verbrennung nicht möglich, etwas dem Sarg beizugeben. Somit haben heutige
germanische Heiden ein Problem, das sich nur dann adäquat lösen ließe, wenn man die Urne mit der
Asche des Verstorbenen mit "nach Hause" nehmen könnte. Dort wäre es möglich, die Urne
mit entsprechenden Beigaben aufzubewahren. Hoffen wir also auf eine umfassende Reform der
Bestattungsgesetze.
Natürlich kann man durchaus kreativ sein, wenn man eine Bestattung auf einem herkömmlichen
Friedhof wählt: so könnte man eine Grabstein mit Runen aufstellen oder auch die Erde auf dem
Grab zu einem "Mini-Grabhügel" auftürmen.
"Die Bestattung des Toten löst zwar die unmittelbare häusliche
Verbundenheit, lockert aber die Bindung zur Sippe nicht."
[Ulbrich]
Unbeeinflußt von der Gesetzgebung ist natürlich die Trauerfeier. In dieser geht es darum,
dem Toten das Geleit in die Totenwelt zu geben. Hier ist es sehr hilfreich, wenn man weiß,
welchen Gottheiten der Tote nahestand. Dann kann man nämlich statt einer Totenleite zur
Hel auch eine solche nach Folkwang machen (für
Anhänger der Freya) usw. Die Trauerfeier
kann als normales Blot ausgelegt sein, weil darin die wichtigsten und immer verwendeten
Teile (Platzweihe ...) vorkommen.
In Anlehnung an Thorsson kann man dann
die Gottheit anrufen, der der Tote nahestand. Der Blotleiter empfiehlt den Toten dem
Gott und "sendet" ihn hinüber in die andere Welt. Er spricht die Abschiedsworte.
Alle Anwesenden trinken dann den ersten Minnebecher (Gedächtnistrunk) auf den Toten,
wobei dessen Taten und Charakter hervorgehoben werden sollten (Sumbel).
Im übrigen muß die Trauerfeier keine trockene Angelegenheit sein - wiederholte kirchliche
Verbote (z.B. Synode von Toledo, 589 u.Zt.) belegen, daß bei Totenwache und Begräbnis auch
gesungen und getanzt wurde. Auch gegen das Totenmahl nach dem Begräbnis ging die Kirche
vor. Eine schöne Beschreibung des "Totenbiers" findet man bei
Åkerhielm, wobei man hier durchaus
auch vom "Erbbier" sprach, weil man im Anschluß an das Begräbnis auch schon mal
mit dem Verteilen anfing. :)
Generell möchte ich das Totenleite-Kapitel bei Ulbrich erwähnen - hervorragend geschrieben. Ebenso sollte man zum Thema Tod (oder die freie Willensäußerung ausschließende Krankheit) sich mit Vorsorge befassen.
"Als ich jung war, stieß ich
trotzig alle Türen auf.
Vaters Haus verließ ich,
weltwärts riß mich schneller Lauf.
Jetzt nach dunklen Jahren
finde ich zur alten Tür,
stehe still im Monde,
stumm von den Gefahren
dieser späten Erde,
taste nach altem Span,
zünde auf dem Herde
einmal noch mein Feuer an."
[N.E. Dolezich, ’Heimkehr’]
Die Germanische Glaubensgemeinschaft, die sich zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts gründete, kannte noch den Kriegerschlag, das war die Aufnahme eines jungen Mannes in die Reihe der "wehrhaften Männer", sowie die Berufsweihe, die jemand erhielt, der ins Berufsleben einstieg. Dazu kam noch eine Bürgerweihe, deren Sinn ich nicht kenne.