"... daß sie gemeinsam die Nerthus - das ist die Mutter Erde - verehren und glauben,
sie nehme an dem Leben der Menschen teil und komme zu den Stämmen gefahren.
Auf einer Insel im Ozean steht ein heiliger Hain, und in ihm befindet sich, mit einem Tuche zugedeckt,
ein geweihter Wagen; nur der Priester darf ihn berühren. Er merkt es, wenn sich die Göttin
in dem Heiligtum eingefunden hat, und geleitet sie unter vielen Ehrenbezeugungen, wenn sie - von
Kühen gezogen - (durch das Land fährt). Dann gibt es Freudentage, und festlich geschmückt
sind alle Stätten, die die Göttin ihres Besuches und ihres Aufenthaltes würdigt.
Man zieht dann nicht in den Krieg, ergreift die Waffen nicht, sicher verwahrt liegt alles Eisen.
Frieden und Ruhe kennt und liebt man freilich nur dann und nur so lange, bis derselbe Priester die
Göttin, die des Umgangs mit den Sterblichen müde geworden ist, ihrem heiligen Bezirk
wieder zurückgibt. Dann werden Wagen und Decke und, wenn man dem Glauben schenken will, die
Gottheit selbst in einem versteckt gelegenen See abgewaschen. Hilfsdienste leisten dabei Sklaven,
die alsbald derselbe See verschlingt. Ein geheimer Schauder umgibt daher den Brauch und eine
heilige Scheu, zu erkunden, was das wohl sein mag, was nur Todgeweihte zu Gesicht bekommen..."
Tacitus
"Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah der Priester darin das
Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die Umfahrt, welche den Lenz einbrachte
und die Gefilde mit Fruchtbarkeit segnete."
W. Golther
Nerthus - das ist Mutter Erde. So beschreibt Tacitus diese Göttin in seiner Darstellung
der germanischen Stämme. Nerthus erscheint dort als Fruchtbarkeitsgöttin, deren
Heiliger Hain auf einer Insel im Meer liegt. Der Umzug von 7 ingwäonischen Stämmen in einer
Kultgemeinschaft im Frühjahr ist fruchtbarkeitsmagisch zu deuten.
Näsström versucht den Namen der Göttin aus den
folgenden Sprachen herzuleiten:
keltisch: nerthos == Kraft
indogermanisch ner- == männliche oder erschaffende Kraft
griechisch: nerteroi == aus der Unterwelt
sanskrit: nart == Tänzer (auf rituelle Tänze verweisend)
litauisch: nerti == (ein-)tauchen bzw. nerseti == spielen
Eine übliche Deutung kommt von ner-: ’unten’, zur Unterwelt gehörend.
Die Erklärungsansätze "unten" und "Unterwelt" passen zur Erdgöttin.
Die Wurzel ner- steckt auch im Namen des altisländischen Gottes Njörðr,
der die Entsprechung zu Nerthus darstellt.
Dabei wären wir beim Problem Nr. 1, was Nerthus und Njörd angeht. Inwieweit sind sie
identisch?
Wie ich schon auf meiner Freyr-Seite dargelegt habe, sind Freyr und
Freya Kinder des Meeresgottes Njörd. Dies ist ein nordgermanischer Gott, der seine
südgermanische Entsprechung wohl in Nerthus findet.
Da die urgermanischen u-Stämme im Femininum und Maskulinum gleich lauten, sind Nerthus und
Njörd sprachlich identisch.
Die Frage ist nun, ob Nerthus die weibliche Verkörperung von Njörd ist
(auch im Sinne von Schwester) oder ob Nerthus gar
androgyn zu denken ist. Die "Schwester-These" vertritt Hasenfratz,
wohingegen Amstadt vermutet, daß Nerthus der Name eine Paares ist, das
im patriarchalischen nordgermanischen Glaube zum Gott Njörd wurde.
Auch De Vries ist der Meinung, daß Fruchtbarkeitsgottheiten
ein androgynes Konzept hatten und daß sie sich regional unterschiedlich in eine
männliche oder weibliche Gottheit entwickeln können.
Dazu passen würden die Nameserklärungen, die auf eine männliche, erschaffende Kraft
hindeuten. Nerthus wäre dann die mit gleichen Attributen ausgestattete Gefährtin dieses
Gottes.
Ein grundsätzliches Problem bei diesen Spekulationen ergibt sich daraus, daß Nerthus nur eine Form dieses Namens ist,
der in Germania-Handschriften auch ganz anders wiedergegeben wird,
z.B. als Nerthum, Neithum, Verthum, Hertha. Wäre Nerthus definitiv die falsche
Schreibweise, dann wären alle Mutmaßungen in obigem Sinne eben auch falsch.
Die Personifizierung der Erde im Norden heißt Jord und ist Thors Mutter. Thor heißt
Jarðar burr oder Jarðar sunr (Sohn der Erde).
Die im Zweiten Merseburger Zauberspruch erscheinenden
Vol und Volla, deren Namen auf eine Beziehung zur Fruchtbarkeit schließen lassen, deuten
darauf hin, daß eine Relation Nerthus - Vol - Volla zu Njörd - Freyr - Freya erlaubt ist.
Interessant ist der Hinweis Åke Ström,
daß sich in Schweden einige Ortsnamen von einer weiblichen Njörd ableiten!
"Fol ende Uodan uuorun zi holza.
du uuart demo Balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en Sinthgunt, Sunna era suister,
thu biguol en Friia, Uolla era suister,
thu biguol en Uodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin!"
Vol und Wodan ritten in den Wald.
Da verrenkte sich Balders Fohlen einen Fuß.
Da besprach ihn Sindgund (und) Sunna, ihre Schwester,
da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester,
da besprach ihn Wodan, so gut wie (nur) er es konnte:
wie die Verrenkung des Knochens, so die des Blutes,
so die des ganzen Gliedes!
Knochen an Knochen, Blut zu Blut,
Glied an Glied, als ob sie zusammengeleimt wären!
Zweiter Merseburger Zauberspruch (vor 750 u.Z.)
Ich persönlich sehe Nerthus als weiblich an und zwar als Entsprechung der
"Großen Göttin", der Erdmutter.
Auch Régis Boyer greift dies auf, wenn er die Große Mutter
(Muttergöttin, Erdmutter) in ihre 3 Aspekte aufteilt: die Liebende (Freya), die
Gemahlin (Frigg), der Tod (Skadi)
(vielleicht eher Hel?).
Interessant ist, daß von Wissenschaftlern auch darüber spekuliert wurde, ob Tacitus den
Namen Nerthus einfach falsch überliefert hat und daß es stattdessen Ertho, also
Erde, heißen müsse. Das wäre dann der direkte Bezug zur Erdgottheit. Im vielzitierten
Angelsächsischen Flursegen heißt es:
"eorðan ic bidde and upheofon...
Erce, Erce, Erce, eorðan modor...
Hal wes þu, folde, fira modor!"
"die Erde bitte ich und den Himmel...
Erce, Erce, Erce, Mutter Erde...
Heil sei dir, Erdflur, Mutter der Männer!"
Zum Umzug ist zu sagen, daß er auf einem Wagen stattfand, der eventuell auch die
Form eines Schiffes nachbildete (Car navale = Karneval). Somit
läßt sich erklären, woher der Brauch kommt, prächtige
Wagen zu bauen und in einem Karnevalsumzug durch die Stadt zu führen (s.a. Disting). Wir erleben hier
das Relikt eines alten Fruchtbarkeitsumzugs, bei dem die Göttin über Land geführt wurde,
um den Feldern Fruchtbarkeit zu bringen. Begleitet wurde die Göttin von einem Priester
als "Vertreter des Gottes". Es kann vermutet werden, daß Priester und
Göttin eine "heilige Hochzeit" (hieros gamos) eingingen. Dazu ist aber
nichts genaueres bekannt. Man kann hier auf den Sonnenwagen von Trundholm verweisen,
auf dem eine Sonnenscheibe dargestellt ist.
Tacitus beschreibt, daß die Göttin Friede und Stille (pax et quies) bringt. Das ist eine
"vanische Eigenschaft", die auch Freyr oder dem mythischen Idealkönig Frodi
zugeschrieben wird (til árs ok friðar - für gutes Jahr und Frieden)
Den von Tacitus beschriebenen See kann man auch als Eingang zur Unterwelt deuten. Die
Göttin ruht dort in den Wintermonaten und kehrt im Frühling aus dem Schoß der Erde
zurück.
Die beste mir bekannte Darstellung von Nerthus gibt Britt-Mari Näsström.