"Heute stellt man die Wissenschaft wieder mehr in Frage. Man kann wieder zugeben,
daß man etwas glaubt, was man nicht sieht. Diese übergroße Achtung vor dem technischen
Fortschritt haben wir überwunden."
[S. Beinteinsson, in: ’Graichen’]
Tacitus beschreibt die Abstammung der Germanen von ihren Göttern anders als es in den Eddas zu finden ist - dennoch gibt es Parallelen.
Nach Tacitus (Germania 2,9)
gab es einen "erdgeborenen" Gott Tuisto,
dessen Name "Zwitter" bedeutet. Man könnte hier vielleicht
die Parallele zur nordgermanischen Vorstellung von Ymir ziehen.
Tuisto hatte einen Sohn, der Mannus hieß. Mannus steht
vermutlich einfach für "Mensch", siehe auch die
Mannaz-Rune (altind. Manu, der erste Mensch).
Von Mannus sollen die 3 Hauptstämme (Kultgruppen) der Germanen abstammen:
Die Hermi(n)onen (Irminonen) (Irmin = Tiu) an Ober- und Mittelelbe,
die Ingwäonen (Ingwi = Freyr?)
an der Nordseeküste und die zwischen Rhein und Weser siedelnden
Istwäonen (Istwi = Wotan?, so auch
Baetke; nach
Herrmann aber
Tiwaz-Istwaz) (Götterentsprechungen
nach Büssem / Neher, Siedlungsgebietzuordnungen
nach Mauersberger).
Diese Vater - Sohn - 3 Söhne Abfolge hat indoeuropäische Entsprechungen; z.B.
entspricht Mannus dem altindischen Mánus.
Zum Teil wird die Herkunft auch auf ein göttliches Paar zurückgeführt. Bekannt sind die Alcis (aus Tacitus Germania), man könnte auch Hengist und Horsa (Angelsachsen, Jüten), Iþur und Aio, Aggi und Ebbi (Langobarden) oder Raus und Raptos (hasdingische Wandalen) nennen (nach Simek).
Auch in der nordischen Mythologie ist es so, daß der Mensch von den Göttern erschaffen wurde.
Nach einer längeren Vorgeschichte (Urriese Ymir, Riesen, Götter; siehe
Stammtafel /
Welten) finden
Odin und seine beiden
Brüder Vili und Ve (Hönir und Lodur?) (vgl. 3 Mannus-Söhne!) zwei Baumstämme
am Strand und gestalten daraus das erste menschliche Paar, den Mann Ask (Esche) und Embla
(Ulme), seine Gefährtin. Es wird berichtet (Gylfaginning),
daß Odin Atem und Leben gab, Vili Verstand und Bewegung und Ve Aussehen, Sprache, Gehör und
Sehkraft. Bei Häny lautet das so:
"Leben gab Odin, Geist gab Hönir, Wärme gab Lodur und frohe Farbe."
Achtung, folgender Unterschied ist wichtig: Ask und Embla wurden als erste Menschen erschaffen,
die Götter Odin, Vili und Ve sind die Schöpfer. Der Gott Rig
(Heimdallr? Odin?) aber, der umherwandert und mit Frauen
unterschiedlicher sozialer Schichten Kinder zeugt (Rigsthula), ist
nicht der Erschaffer der Menschen, sondern der Stände der menschlichen Gesellschaft -
selbst wenn man ihn mit Odin gleichsetzt!
Diese Weitergabe von "göttlichen Eigenschaften" bedeutet, daß wir Menschen
von den Gottheiten abstammen. Wir leben auf einer anderen Ebene (sind aus "anderem Holz geschnitzt"),
sind aber in gewisser Hinsicht eins mit ihnen. Auch die Erschaffung der Welten durch die Götter aus
Ymirs Körper zeigt auf, daß durch dieses
göttliche Einwirken alles mit allem verbunden ist.
Diese Relation Menschen - Götter wird in der nordischen Mythologie sehr deutlich: Die Götter
erscheinen keineswegas als unfehlbare oder moralisch besonders hochstehende Wesenheiten. Sie ’leben ihr Leben’
und kümmern sich um ihre Belange. Sie kämpfen um ihr Dasein gegen die Riesen, verlieben sich und
heiraten, verspotten sich und halten dennoch zueinander (na ja, von Loki
vielleicht mal abgesehen).
Man muß sich nur mal das Harbarðsljoð zu Gemüte führen:
Odin steht als Fährmann verkleidet
an einem Flußufer, sein Sohn Thor kommt von einem
kleinen Jagdausflug (mit Riesentöten) zurück
und will nach Hause. Er bittet den Fährmann, ihn überzusetzen. Der falsche Fährmann weigert
sich aber und verwickelt Thor in einen Dialog, in dem er klarmacht, daß Odin (er selbst) die Fürsten
erhält, die im Kampfe fallen (die also nach Walhalla kommen), während sein Sohnemann Thor nur
die Knechte erhält. Ich habe einmal gelesen, daß dieses Lied der Liederedda die ’Urfeindschaft’
zwischen Magier und Krieger thematisiert. Auf jeden Fall ist der verbale Schlagabtausch der beiden
zum Schmunzeln.
Diesen Göttern muß sich der Mensch nicht knechtig unterordnen, diese Götter versprechen keine "jenseitige Belohnung" für irgendetwas, kein "Reich", das nicht von dieser Welt ist. Die Götter leben in ihren Sozialstrukturen und die Menschen in recht ähnlichen auf Midgard. Die Götter sind keine Vorbilder, was z.B. ein friedvolles Miteinander usw. angeht. Moralische Forderungen stellen die germanischen Götter nicht, es ist aber sehr wohl möglich, sich an ihren Handlungen zu orientieren.
Interessant ist es auch, sich die Wirkungsbereiche und -weisen der Götter anzuschauen. Wenn man also um Fruchtbarkeit opfert, dann kann man sich z.B. an eine der drei Gottheiten Odin, Thor oder Freyr wenden. Jede dieser Gottheiten fördert Fruchtbarkeit auf andere Weise. Odin ist der Wilde Jäger, der den Saaten Fruchtbarkeit spendend lärmend im Wintersturm über die Felder jagt. Thor ist der Kämpfer, der aktiv Riesen verdrängt, die der Fruchtbarkeit der Felder schaden würden. Seine Gewitter beenden Dürreperioden und spenden langersehnten Regen. Freyr hingegen steht für ein langsames, fast unbeobachtetes Wachsen und Gedeihen im Schoß der Erde; auch für milden Regen. Alle drei Gottheiten haben Fruchtbarkeitsaspekte, aber keiner ist "DER" Fruchtbarkeitsgott.
Man beachte auch, daß die Götter nicht als vollkommene Wesenheiten dargestellt werden. Sie haben oft gerade in ihren "Spezialgebieten" Rückschläge hinzunehmen. Freyr muß Gerda erst mit Flüchen gefügig machen, Freya klagt um ihren verlorenen Mann Od, dem gerechten Tyr wird die Hand abgebissen, Odin verliert sein Auge für mehr Weisheit usw. Gerade diese Opfer / Rückschläge machen eine Annäherung an diese Götter einfacher als an einen vollkommen und allmächtig gedachten Gott.
"Das Heidentum charakterisiert sich nicht allein
durch Merkmale wie sein aristokratisches Lebensideal und die heroische Haltung
gegenüber den Konflikten des Lebens, seine Ethik, die sich auf die Ehre
gründet (Schande statt Sünde), die Durchheiligung der Welt, die Bejahung der
Körperlichkeit, der Gesundheit, der Sexualität, die Negierung der Jenseitigkeit -
dies mag zutreffend sein, gewiß. Jedoch fordert die Frontstellung
Monotheismus/Polytheismus nicht eine Debatte über die Anzahl der Götter, sondern
über deren Qualität. Der zentrale Punkt ... ist daher die Frage, ob die Welt
und das Sein nach dualistischen Kriterien zu beurteilen sind oder nicht. ...
Das Heidentum ... verwirft den Dualismus des gut oder böse, des
falsch oder richtig, es überwindet sowohl die Trennung von Gott und der
Welt wie die von Körper und Geist. Kein absolutes Entweder-oder,
sondern ein duldsames Sowohl-als-auch. Die gegensätzlichen Positionen
des christlichen Glaubens (gehorsam-hochmütig, schwach-anmaßend, demütig-selbstbewußt, etc.)
ersetzt das Heidentum durch die kommunizierenden Paare edel-niedrig,
ehrbar-entehrt, krank-gesund, mutig-feige, usw.."
Björn Ulbrich
Die zentralen Punkte einer Religion sind ihre Götter, aber was sind Götter? Dies ist auch eine der wichtigsten Fragen, die jeder religiöse Mensch für sich klären muß. Ohne Gott / Götter keine Religion.
Man kann sich dem Phänomen durch verschiedene Fragen nähern: Was sind die Götter? Wo sind sie? Wie nehme ich sie wahr? Welche Gestalt / äußere Form haben sie? Sind sie mit dem Land verbunden oder mit den Menschen oder mit beiden?
Am besten fängt man mit einer Abgrenzung an: Wer die Götter nicht als wesenhaft begreift, verläßt m.E. den
Weg der Religion. Das gilt z.B. für diejenigen, die in den Jungschen Archetypen das Wesen der Götter sehen. Diese Archetypen sind
allen Völkern eigene Urbilder, die sich tief wie ein Flußbett in die seelische Landschaft eingegegraben haben.
"Man kann daher von einem Archetypus ‘Wotan’ sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch
ein Bild seiner eigenen Natur entwirft." (C.G. Jung).
Man muß die Archetypen als Medium verstehen, als Vehikel, um das Wesen der Götter zu beschreiben. Archetypus Wotan und
Gott Wotan sind nicht identisch. Archetypen funktionieren wie ein
Radioempfänger: Wir sehen oder hören Radiowellen nicht, können sie
aber mittels Radioempfänger hörbar machen. Wie ein Radio ist ein Archetypus zu verstehen - er kanalisiert und macht
verstehbar.
Ähnlich vorsichtig muß man m.E. mit der Sichtweise des derzeit in Heidenkreisen beliebten Philosophen
sein. Er schreibt beispielsweise: "Heute können wir die Götter als Benennung von Qualitäten verstehen, die
wahrzunehmen den Menschen ausmacht. Einerseits können wir dann betonen, daß sie menschliche Geschöpfe sind, andererseits,
daß die Menschen durch die geformt sind." (R. Falter)
Falter unterscheidet zwischen der Erfahrungsreligion, in der die Götter "Konzeptualisierung von Erfahrungen" sind, und
der Offenbarungsreligion, die auf Verkündungen beruht. Die Götter der Ersteren seien erfahrbar, so sei der "Flußgott"
die "Gestalt gewordene Atmosphäre des Flusses" (Falter, a.a.O.), diese Atmosphäre sei als göttlich zu bezeichnen.
Falter weiter: "In dem in mir aufsteigenden Zorn, im zähnefletschenden Wolf, im Schreien einer Menge, die die Todesstrafe
für einen Terroristen fordert, und im angeschwollen daherbrausenden Wildbach erlebe ich die Qualität, die der Grieche Ares,
der Römer Mars nennen würde".
Ähnlich wie bei Jung ist der Begriff "Götter" hier darauf reduziert, Mittler zu sein, sie sind "Benennungen der
Grundcharaktere oder Grundgesten, die Natur und Menschenwelt, Landschaft und Seelenlandschaft miteinander verbindet.
Nur was in der Natur (dem Außermenschlichen), im Psychischen (dem Innermenschlichen) und im Sozialen (dem Zwischenmenschichen)
gleichermaßen vorkommt, ist ein Gott." (Falter, a.a.O.).
Falters Aussagen werden in heidnischen Foren gern so wiedergegeben, daß man im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen
nicht an einen transzendenten Gott glauben muß, sondern daß man die Götter ja "ganz einfach" erfahren könne. Hier
wird jedoch der Fehler begangen, die erfahrbaren Erscheinungen als wesenhaft göttlich zu interpretieren - und damit liegt man
auf der Ebene von Falters Aussage, daß die Götter "menschliche Geschöpfe" seien.
Also: Auch in einer Erfahrungsreligion kommt man nicht umhin, an etwas nicht beweisbares zu glauben, will man nicht nur auf
Ebene der Erscheinungen von Göttlichkeit sprechen.
Wenn wir uns von den Begriffen Archetypen, Kanalisierung, Mittler, Atmosphäre abwenden,
müssen wir das Dahinterstehende benennen. Ich will postulieren, die Götter als wesenhaft
zu begreifen, als aktiv handelnde Entitäten, die sich nicht kontinuierlich
auf der Bewußtseinsebene des Menschen aufhalten.
Baetke stützt diese Sichtweise:
"Die Germanen kannten keine 'Natur' ... sondern nur lebendige Kräfte, die auf sie wirkten, ihr Leben bestimmten und auf ihr Gemüt tiefen Eindruck machten. ...
Auch diese Erwägungen sprechen dafür, daß die Götter nicht als Naturkräfte, überhaupt nicht als Kräfte, als Kraft oder Macht zu fassen sind, sondern als Persönlichkeiten.
Nicht in ihren Beziehungen zur Natur, sondern in ihrer menschlichen Erscheinung ist ihr Wesen zu suchen ...". Baetke schreibt
weiter, daß die Götter "als Personen gefaßt wurden, die
einen Willen haben. An ihn kann der Mensch sich wenden, um die Hilfe der Gottheit zu erlangen.
Dies tut er mit Opfer und Gebet; beides kann nur aus dem Persönlichkeitscharakter der Götter
richtig gedeutet werden."
Ich gehe also vom Dreischritt Wesenheit - Mittler - Mensch aus. Mittler - das sind die die Erfahrungen mit
Göttlichkeit und der Versuch, sie zu benennen. Wahrnehmbare Phänomene, "Atmosphären",
Naturerscheinungen, archetypische Figuren, Träume, Tranceerfahrungen usw. künden von diesen Göttern.
Immer aber muß die Distanzierung erfolgen: Donar ist nicht
Blitz und Donner in ihrer physikalischen Realität, aber diese
Wettererscheinungen transportieren seine Qualität. Dazu noch einmal Baetke:
"Bei keinem Gott läßt sich die Entwicklung aus einem Naturgeist feststellen. Auch Thor-Donar tritt niemals
wirklich als Donnergott auf, weder in Deutschland, noch im Norden."
Sehr schön und erwähnenswert in diesem Zusammenhang auch folgendes Zitat von Schneider:
"Wodan ist uns keine alte Elementarmacht, kein Naturgott Sturm. Aber das Entstehen der Gestalt wird nie begreifen, wer nicht das
nächtliche Wogen und Sausen in Wald und Gebirge, die Stimmung der Sturmnacht auf Feld und Meer kennt und den starken Drang des Menschen
mitfühlt, hinter dieser Macht einen Mächtigen, hinter dieser Raserei einen Rasenden zu sehen. (...) In diesem Toben der Natur sieht
man woðuz, d.h. Wut, und Woðanaz, einen Wütenden."
Auch Mythen beschreiben diese Qualitäten, fassen sie zusammen, gestalten das Bild des
Gottes aus. Glaube ist demnach der Wunsch und aktive Versuch, die Gottheit hinter dem Erlebten /
Erfahrenen zu sehen. Falter (a.a.O.) dazu: "Mythische Rede bedeutet Rede in Handlungen. Der Charakter eines Gottes läßt sich
treffender in Mythen, also erzählten Ereignissen und Handlungen, als in Eigenschaftswörtern wiedergeben. Mythische Erzählung ist
Vorbereitung auf die Epiphanie, das heißt das Erscheinen eines Göttlichen in menschlich verständlicher (nicht immer
menschlicher) Gestalt."
Sehr schön hat Theodore Roszak so etwas auch ausgedrückt (in: Where the Wasteland ends
- Politics and Transcendence in Postindustrial Society; zit. nach Adler:
"This diverse family of religions and philosophies [represents]
the Old Gnosis - the old way of knowing, which delighted in finding the sacred
in the profane (...) This is not, of course, religion as many people in our
society know it. It is a visionary style of knowledge, not a
theological one; its proper language is myth and ritual; its foundation is rapture,
not faith and doctrine; and its experience of nature is one of living communion."
Wesenhafte Göttlichkeit erfahre ich nicht nur außerpersönlich, sondern - wie oben schon bei der Nennung von Träumen und Tranceerfahrungen erwähnt - auch in meiner Person, also als Empfindung oder Vision. Der Gründer der Germanischen Glaubensgemeinschaft, Ludwig Fahrenkrog, drückte dieses "Gott in uns" so aus, "dasz die Gottheit alles in allem oder das All nur eine Offenbarung der Gottheit sei. (...) Ist aber Gott in allem - und also nicht nur in mir, dann bin ich auch der Andere. Ist aber Gott in mir, dann ist auch sein Gesetz in mir, dann bedarf es weder eines geschriebenen Gesetzes noch eines Mittlers ..." (zit. nach Junker).
Das Postulat der Wesenhaftigkeit der Götter impliziert natürlich auch einen Aufenthaltsort.
Dazu ist in Asatrukreisen schon viel diskutiert worden. Sind Odin und Thor in den USA "anwesend",
wo es eine starke Asatrubewegung gibt? Anders gefragt: Als die Wikinger einst nach Vinland reisten, nahmen sie
ihre skandinavischen Götter mit? Hat die letzten Endes mißglückte Landnahme dort auch damit zu tun,
daß ihre Götter eben nicht da waren? Björn Ingvisson, amerikanischer Asatruar, schrieb nach seiner
Reise nach Deutschland auf der Mailingliste Asatru-E (Erlaubnis des Autors zur Wiedergabe eingeholt):
"I lived in Würzburg, Germany, in 1986 and during that time, especially when I went walking in
the woods, I sensed presences that were unlike what I sensed when I hiked in the American wilderness.
(...) The feelings in the German forest led to a further feeling of 'coming home', though I had never been
in Germany before. I sense the landspirits in the U.S. to be definitely Native American and I honor
them; but there was such a feeling of familiarity with the German landwights."
Der Versuch der Beantwortung dieser Frage muß letztlich ausbleiben - will man nicht tausenden Asatruar außerhalb
der mittel- und nordeuropäischen Länder ihre Berechtigung absprechen. Für mich ist es so, daß ich
Freyr eigentlich nur richtig in Schweden wahrnehmen kann; umgekehrt ist Wodan der Gott meiner Heimat.
Ich glaube daran, daß die Götter zum Land gehören - genaue Grenzen und "Verbreitungsgebiete"
kann man wohl nicht nennen.
Aus dem bisher Geschriebenen muß ich auch eine ganz klare Absage an die Auffassung erteilen, Asatru, die
Alte Sitte, sei eine "Naturreligion". Wobei man natürlich definieren muß, was man genau unter diesem
Begriff verstanden wissen will. Naturreligion im Sinne einer Verehrung der Natur oder der Naturkräfte ist kein Asatru.
Hingegen paßt der Begriff dann, wenn man davon ausgeht, daß Natur und Gottheiten eine nicht teilbare
Gesamtheit darstellen.
Natürlich transportieren die Naturkräfte - wie oben ausgeführt - die Atmosphären der Götter, um beim Falterschen
Begriff zu bleiben. Aber das passiert nicht nur in der Natur - Asatru kann m.E. ganz ohne Naturbezug gelebt werden.
Selbst eine von manchen als zwingend empfundene Naturnähe, ökologische Lebensweise, "back to nature" usw., all
diese Dinge haben nichts mit Asatru zu tun. Zustimmen kann ich allerdings einer Aussage, die ich vor Jahren in
der Newsgroup alt.religion.asatru las: dort hieß es, Asatru sei nicht "nature-based", aber die Natur sei ein
vitales Element der Religion. Mag man es so nennen.
Gerade im Zusammenhang mit der vermeintlichen Naturreligion bietet es sich an, ein Tacitus-Zitat
hervorzukramen, das gerne als "Beleg" für eine Naturreligion angeführt wird:
"... sie weihen Lichtungen und Haine und geben die Namen von Göttern jener
weltentrückten Macht, die sie allein in frommem Erschaudern erleben."
Dabei wird oft übersehen, daß hier nicht die Rede davon ist, daß die Germanen
diese Macht in den Hainen
spüren, sondern daß sie ihr lediglich Haine weihen. Würde man vom Umgekehrten ausgehen, müßte man ja
fast schon eine Art Pantheismus annehmen. Gänzlich läßt sich das nicht gegeneinander abgrenzen: Auch heute zieht es
uns zu besonders schönen Orten in der Natur, um dort Rituale abzuhalten. Spüren wir die Götter dort intensiver?
Zum Abschluß möchte ich noch eine schöne Betrachtung wiedergeben, die Dirk Bruere am 22. Hartung 2002 in a.r.a. schrieb:
"Briefly, on one hand I view [the gods] as dynamic Archetypes somewhat akin to the
entities one encounters when ’playing’ Ouija. That is, they are the blending
of the facets of the many psyches involved. In our case, the Gods are a
distillation of the psyche of the North European peoples over several
millennia. This is by no means meant to imply that they do not exist, or are
some kind of fairy story. They have a life of their own, they interact with
us both collectively and individually, and have a hand in shaping us as we
shape them. They are our kin on a different and wider plane of being, an
analogy being that we are the cells in their body. Additionally, they are
the context through which that we as a culture encounter and interpret
transcendent spiritual reality - that which cannot be put into words, but
which can only be experienced.
On the other hand, they also represent the forces of the Natural World -
Nature, most explicitly in our recognition of entities such as Wights, and
the presence in the mythology of the Ice Giants, Serpent, Wolf, World Tree
etc.
So, to put it crudely, I consider the Folk simply to be those who manifest
the Gods in conjunction with Nature. As we all know, however, some manifest
more strongly than others within our Folk, and in general other Peoples
manifest different entities entirely, though they tend in many ways to be
similar. We are, after all, Human."
Abgrenzung: Nicht unter die hier aufgeführten Sichtweisen fällt die, nach der alle Gottheiten im Grunde genommen auf ein monotheistisches Religionsmodell reduziert werden können. Das ist eine theo- bzw. ariosophische Idee, die im Gegensatz zum reinen Polytheismus steht, wie er auf diesen Seiten vertreten wird. Auch paßt die mystische Weltsicht nicht so ganz. So schreibt Baetke: "Alles, was den Mystiker macht: schwärmerische Gottessehnsucht, Aufgeben des eigenen Selbst, Auflösung und Hingabe an das All-Eine, lag ihm (dem Germanen, V. Wagner) weltenfern. Wenn eine Ethik, so war die germanische auf Selbstbehauptung gerichtet; es war eine Kriegerethik, der Mut und Selbstbeherrschung als höchste Tugenden galten."
"Like any other relationship, friendship with a god requires mutual respect and attention. We talk to our
deities, share our food and drink with them, and quiet our minds so that we can hear what they have to say. "
[Paxson]
"’Art, science - you seem to have paid a fairly high price for your
happiness,’ said the Savage, when they were alone. ’Anything else?’
’Well, religion, of course,’ replied the Controller. ’There used to be something called God -
before the Nine Years’ War. But I was forgetting; you know all about God, I suppose.’
’Well ...’ The Savage hesitated. He would have liked to say something about solitude, about
night, about the mesa lying pale under the moon, about the precipice, the plunge into shadowy
darkness, about death. He would have liked to speak; but there were no words. Not even in Shakespeare."
[Aldous Huxley, ’Brave New World’]