Asentr.eu © V. Wagner 1994-2008 | 29.4.2004

Priester

"In diesem Zusammenhang ist ein Wort über den germanischen ’Priesterstand’ am Platze. Wenn man, gerade etwa aus den Sagas, die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zwischen dem germanischen Bauern und seinem göttlichen ’fulltrui’ (Treufreund) erkennt, so ist klar, daß dieser Bauer niemals einen Mittler zwischen sich und seinem Gott benötigte. Und so gab es in Wirklichkeit auch keinen germanischen Priesterstand, der sich zwischen Mensch und Gott geschaltet und diese Aufgabe als sein Lebenswerk betrachtet hätte."
   Strobel

Für die frühgermanische Zeit gibt es Zeugnisse von Seherinnen, von denen auch Tacitus noch gehört zu haben scheint. Daher auch seine Schilderung, daß die Germanen ihren Frauen etwas heiliges beimessen. Nach Cassius ist der römische Feldherr Drusus an der Elbe einer Seherin begegnet, einer "übermenschlich großen Barbarin". Es gibt weiterer Nennungen, so Ganna oder Waluburg. Maier dazu: "Religionsgeschichtlich bemerkenswert erscheinen die Namen der beiden Seherinnen Ganna und Waluburg, da man sie mit altnordisch gandr und völr, zwei Wörtern für «(Zauber-)Stab» verbinden kann."
Diese Seherinnen, Tacitus nennt Veleda von den Brukterern und Albruna (Aurinia), werden aber wohl keine Priesterinnen im üblichen Sinn gewesen sein. Dieses Bild von den Seherinnen wandelte sich: In den isländischen Sagas erscheinen sie eher als Hexen.
Zum Thema Seherinnen s.a. die Seite über Völventum, zu Veleda siehe auch die Seite über die Externsteine.

Bei Strabon finden wir die Beschreibung der Priesterinnen der Kimbern (s.a. Vorzeichen) sowie den Hinweis auf den chattischen Priester Libes. Eunapios berichtet kurz von den Priestern und Priesterinnen der Westgoten. Ammianus Marcellinus nennt den obersten burgundischen Priester, Sinistus. (Beispiele nach Maier)

Tacitus beschreibt aber auch germanische Priester. Diese hatten z.B. bei Thing-Versammlungen als einzige das Recht, "jemand zu töten, zu fesseln oder auch nur zu schlagen". Vielleicht haben sie das Thing auch geleitet, auf jeden Fall aber war es ihre Aufgabe, die Runen in Stammesangelegenheiten zu befragen, was für die Familie der Hausherr machte. Hier wird deutlich, daß die dörfliche Gemeinschaft eine andere Art von Priester benötigte als das familiäre Zusammenleben. Neben der Erwähnung des Familienvaters in Priesterfunktion kann man sich gut vorstellen, daß der Kult der Göttinnen / Wanen von Frauen ausgeübt wurde.
Auch im Zusammenhang mit der Göttin Nerthus erwähnt Tacitus (Germania, 40) einen Priester, weiterhin einen Priester in weiblicher Tracht beim Alces-Kult der Nahanarvaler.
Eine Priesterkaste wie die keltischen Druiden gab es bei den Germanen zu dieser Zeit nicht. Die von Tacitus erwähnten Priester werden wohl einer ’normalen’ Arbeit nachgegangen sein, wenn sie nicht als Priester tätig waren. Man muß wohl auch trennen zwischen der heutigen Konzeption von Priester(-amt) und der Priesterfunktion von damals. Vielleicht waren die Personen, die von fremden Beobachtern als Priester bezeichnet wurden, lediglich "Kultleiter".

Im wikingerzeitlichen Island gab es die sogenannten Goden (an. goði (männlich), gyðja (weiblich); got. gudja als Übersetzung von hiereús (jüdischer Priester), die weltliche und religiöse Macht hatten. Man kann sie durchaus als "Bezirkshäuptlinge" ansehen. Goði ist schon auf einem Runenstein des 5. Jahrhunderts u.Z. als ’gudija’ belegt. Der in Sagas auftauchende Begriff ’hofgoði’ besagt, daß der Gode Vorsteher eines ’Hof’ war, was vermutlich nicht auf einen richtigen "Tempel" hinweist, sondern einen üblichen Bauernhof, auf dem auch heilige Feste abgehalten wurden. Man kann sich die Rolle der Goden so vorstellen, daß sie - wie ein christlicher Priester im heutigen Sinne - die Opferrituale durchführten, aber auch bei Versammlungen ihres "(Tempel)Bezirks" den Vorsitz führten, Recht sprachen usw. Man kann davon ausgehen, daß das Godenamt im spätwikingerzeitlichen Island recht "säkularisiert" war. Die weibliche Gyðja hatte vermutlich nur die religiöse Rolle innen und es mag die Spekulation erlaubt sein, daß sie v.a. im Rahmen eines Fruchtbarkeitskultes ihren Platz hatte.
Wichtig ist auch, daß die Goden nichts mit Seiðr-Magie oder Völventum zu tun hatten.

Die ahd. Bezeichnungen bluostrari, harugari und parauuari (für Priester) sind späte Bildungen, was sich lt. Maier an der Endung -ari, einer Ableitung aus dem Lateinischen, ablesen lasse.

"Altnordisch goði «Gode» wiederum erinnert zwar von der sprachlichen Bildung her an gotisch gudja, kann aber nur in sehr eingeschränktem Sinn mit «Priester» übersetzt werden, da die Goden auf Island vor allem als politische Führungsschicht in Erscheinung treten und Aussagen über ihre einstigen religiösen Funktionen zumindest teilweise auf der Rückspiegelung christlicher Verhältnisse in die heidnische Vorzeit beruhen. All dies spricht letztlich dafür, daß es einen klar definierten Priesterstand in der gemeingermanischen Zeit noch nicht gegeben hat und die Bemerkungen unserer Schriftquellen über die Verhältnisse der spätheidnischen Zeit für frühere Jahrhunderte nicht vorausgesetzt werden dürfen."
   B. Maier

schwedisches Mädchen im Kivik Grab, Südschweden

"Wir lehnen den geschlossenen Priesterstand, der sich durch die Einsegnung und Ordination definiert, ab und setzen dieser christlichen Anschauung den Begriff des offenen Priesterwesens entgegen. ...
Das Priesterwesen als abgeschlossener Stand oder als soziale Schicht müssen wir verwerfen, die weltliche und in der Sündendogmatik wurzelnde religiöse Macht des Priesterstandes müssen wir bekämpfen."
   Björn Ulbrich

Heutige Gruppierungen der Alten Sitte scheinen teilweise ganz besessen davon, Priester "heranzuzüchten". Es gibt sogar einen "Oberpriester" der traditionell-germanischen Heiden in Deutschland, Geza von Nemenyi von der GGG. Von Nemenyi ist der Meinung, daß auch das südgermanische Heidentum eine Art Priesterkaste kannte, die er nun mit seinem "Godenrat" wiederbeleben möchte. Für mich widerspricht das der freiheitlichen Religionsauffassung unserer Ahnen. Vorrangstellung bietet immer auch Möglichkeiten für Machtmißbrauch. Im übrigen denke ich, daß hier häufig als Begleiterscheinung der "Esoterikwelle" ein Hinterherhecheln nach Titeln zu beobachten ist. Wer sich unbedingt XYZ ZYX Goði nennen muß, sollte doch mal über die Motivation nachdenken, die dahintersteckt.

Ich persönlich finde das in der Germania geschilderte System sehr gut. Vater und Mutter einer Familie / Sippe fungieren als Priester in Familienangelegenheiten, für größere Zusammenkünfte übernimmt dieses Amt jemand, der durch sein Wissen und seine Erfahrung diese Rolle auch mit Leben füllen kann. Männer und Frauen haben natürlich die gleichen Rechte in diesen Dingen.
Ein Besucher meiner Seiten brachte es neulich in einer E-Mail an mich auf den Punkt: "Eine Gemeinschaft kann schließlich nicht nur aus Priestern bestehen."
Und für unsere "Obergoden" möchte ich noch kurz aus Gundarsson / Eldaring "Der Alte Glaube" zitieren: "Bei all dem sollte man nie vergessen, daß priesterliche Funktionen immer nur im Dienst und nie in ’Führung’ einer Gemeinschaft stattfinden können."

"Schließlich bleibt noch der ’Priester’ (zweifellos die Bedeutung von goði), von dem ich allerdings vermute, daß er niemals so im eigentlichen Sinn und nach allgemeiner Auffassung existiert hat, vor allem weil er nie zu einem speziellen Orden, einer Kaste oder einer Gemeinschaft angehörte und demgemäß weder eine spezielle Ausbildung noch eine Weihe empfing. In dieser Religion ohne Dogma, ohne ’Glauben’, ohne heilige Texte, die bekannt wären, und auf ein schlichtes Ritual beschränkt, das bei seltenen Gelegenheiten ... begangen wurde, bestand kein echter Bedarf an einem eigens dafür ausgebildeten Priester."
   Régis Boyer

Ich füge hier nun noch die Presseerklärung von Eldaring e.V. und Odinic Rite Deutschland / Verein für Germanisches Heidentum e.V. vom 18.7.2003 an, in der es um Geza von Nemenyis Erklärung zum Alleinvertretungsanspruch in bezug auf tradionell germanische Heiden geht - wie auch um das institutionalisiert gedachte Priestertum (Goden):

Presseerklärung 18.7.03; Eldaring e.V. / Odinic Rite Deutschland e.V. (heute VfGH e.V.)

In einer gemeinsamen Presseerklärung des Odinic Rites Deutschland e.V. und des Eldarings e.V. nehmen die beiden Asatru-Organisationen Stellung zur Aussage Geza von Neményis bezüglich seines Alleinvertretungsanspruch der heidnischen Gemeinschaft.
Eldaring e.V./ Odinic Rite Deutschland e.V.: Strikte Ablehnung selbsternannter autoritärer "Religionsführer"
Erklärung Géza von Neményis als Schlag gegen die Seriosität modernen Heidentums

Trier/Iserlohn - Mit Empörung reagieren der Eldaring e.V. und der Verein für Germanisches Heidentum e.V. auf eine Erklärung des sogenannten "Allsherjargoden" und Gründers der "Germanischen Glaubensgemeinschaft" GGG, Géza von Neményi, in der der Versuch unternommen wird, die traditionellen germanischen Heiden Deutschlands zu vereinnahmen und Géza von Neményi als Alleinvertreter der heidnischen Gemeinschaft in Deutschland zu etablieren. "Für einen selbsternannten ’Heidenpapst’ ist in unserer Religion kein Platz", lehnen die Sprecher beider Organisationen dies ab.

In besagter Erklärung nimmt sich Géza von Neményi das Recht heraus, als einzige Instanz das Wissen und die Eignung allfälliger Godenanwärter (= Priester) zu überprüfen und gegebenenfalls neue Goden einzusetzen. Alexander Jahnke, erster Vorsitzender des Eldarings, wertet dies als autoritären Versuch, die ständig wachsende Gemeinschaft der deutschen Heiden zu vereinnahmen. "Eine der besonderen Stärken modernen, germanischen Heidentums liegt gerade in der Vielfalt der verschiedenen Sichtweisen und Prägungen. Allein der Versuch, in diesem Bereich als ’Führer’ aufzutreten, ist illegitim", so Jahnke.

Das Fehlen jeglicher Legitimation für den Anspruch Géza von Neményis betont auch Volker Kunze, Erster Vorsitzender des Verein für Germanisches Heidentum: "Das Recht, als gemeinsamer Sprecher des germanischen Heidentums aufzutreten, kann, wenn überhaupt, nur durch eine demokratische Wahl aller betroffenen Gruppen erteilt werden. Géza von Neményi wurde von niemandem gewählt, er beansprucht die Sprecherrolle und auch die von ihm damit verbundene religiöse Lehrautorität und das Recht, religiöses Wissen abzuprüfen und Priesterämter zu vergeben oder zu verweigern, nur aufgrund seiner von ihm selbst behaupteten Qualifikation. Dies ist undemokratisch und steht im Widerspruch zu den Prinzipien des traditionellen germanischen Heidentums, das Géza von Neményi zu vertreten behauptet."

Zu Unrecht, wie der Zweite Vorsitzende des Verein für Germanisches Heidentum, Fritz Steinbock, ergänzt: "Géza von Neményi ist kein traditioneller germanischer Heide. Er vertritt eine von ihm selbst geschaffene dogmatische Lehre, die germanische Quellen willkürlich mit Elementen aus anderen Religionen und aus der Esoterik vermischt. So gibt er etwa dem babylonischen Tierkreis mit dem Phantasienamen "Tyrkreis" - nach dem Gott Tyr - einen germanischen Anschein oder übernimmt die indische Lehre des Karma und rechtfertigt dies damit, dass in der nordischen Mythologie der Hund, der das Totenreich Hel bewacht, den Namen Garmr - in jüngeren Runen: karmR - trägt. Mit solchem Unsinn hat er sich selbst disqualifiziert." Ganz abgesehen davon, dass es ein religiöses Lehramt, wie es Géza von Neményi beanspruche, in der germanischen Tradition gar nicht gebe: "Die historischen Goden, auch der auf Island unter ihnen gewählte Allsherjargode, hatten lediglich rituelle Funktionen. Sie leiteten die religiösen Feiern, aber sie erklärten und deuteten die Religion nicht."

Der Selbstdarstellungsdrang mancher Protagonisten in der heidnischen Szene sei anscheinend derart ausgeprägt, dass auch ein bewusster Schaden für die aufstrebende und vielfältige heidnische Gemeinschaft in Kauf genommen werde, um diesem Drang genüge zu tun, meint Carolyne Gayger, zweite Vorsitzende des Eldaring. "Der Eldaring Deutschland, sowie die damit verbundenen Partner in der Schweiz und Österreich, ruft daher die an Heidentum interessierten Vereine, Organisationen und Einzelpersonen auf, autoritären Tendenzen im gelebten Heidentum keine Bühne zu bieten und Erklärungen dieser Art auch in Zukunft zu ignorieren."

Der Eldaring e.V. ist ein junger Verein, der für den deutschsprachigen Raum ein Informationsangebot zum Thema Asatru schaffen möchte. Bei Asatru handelt es sich um die Rekonstruktion der vorchristlichen Religion Europas und Skandinaviens. Die Mitglieder kommen hauptsächlich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Eldaring e.V. wurde im August des Jahres 2000 n.d.Z. gegründet. Die Eintragung beim Amtsgericht Trier erfolgte 2002 (VR3225).
Der Odinic Rite Deutschland e.V. wurde 1995 als unabhängige Organisation des internationalen Odinic Rite für die deutschsprachigen Länder gegründet. Seine Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, das traditionelle germanische Heidentum (Asatru / Alte Sitte) nach den Erfordernissen der heutigen Zeit neu zu beleben und auszuüben. Die Eintragung beim Amtsgericht Köln erfolgte im April 1995 (VR11937)
alu/fs

Beim Ostarathing 2004 hat der Odinic Rite Deutschland sich ganz klar für ein rein auf das Ritualwesen bezogenes Priestertum entschieden.

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