Ich bin schon einige Male gefragt worden, wie denn der "Anfänger" in die praktische Arbeit einsteigen soll. Was macht man also, wenn man nicht mehr nur über die Götter lesen will, aber vielleicht auch noch kein richtiges (will heißen: umfangreicheres, geplantes) Blot durchführen kann? Nun, man fängt klein an. Der direkt Bezug zu den Göttern ist m.E. sehr wichtig. Es nutzt nichts, wenn man sich ohne diesen Bezug in den Wald stellt und ein Ritual vom Blatt abliest. Da "passiert" dann nichts, möchte ich mal prognostizieren.
Der erste Schritt ist zwangsläufig der, daß man die
Attribute der Gottheiten
einigermaßen kennenlernt. Ich kann keine Gottheit anrufen, wenn ich
nicht weiß, für was sie steht.
Beispiel: Ich plane eine lange Reise mit dem Auto und möchte die Götter um
Schutz bitten. Da muß ich wissen, daß Thor mit seinem Wagen oft in
Riesenheim unterwegs ist. Er ist quasi die "erste Adresse", wenn es um
Schutz auf Reisen geht. Bei Wanderungen wäre es denn eher Odin, der Wanderer.
Im zweiten Schritt muß ich überlegen, in welcher Angelegenheit ich mich an die Götter wenden will. Ich möchte hierbei noch mal an die Havamal-Zeilen erinnern (bei Genzmer in den Einzelstrophen und Splittern), nach denen es besser ist, nichts zu erflehen als zu viel zu opfern. Wer vor einer für seinen Lebensweg entscheidenden Prüfung steht, sollte opfern, jedoch nicht der, der am nächsten Tag eventuell einen Vokabeltest schreiben wird (da hilft es eher, die Ritualzeit zum Lernen zu verwenden).
Wenn ich mir also sicher bin, in welcher Sache ich welche Gottheit
anrufen möchte, dann tue ich das in einfachen Worten,
die aber möglichst präzise das
Gewünschte umreißen. Um im obigen Beispiel zu
bleiben: "Odin, Gott der Weisheit, dich bitte ich für diese letzte
Prüfung um Beistand. Löse meine Zunge, laß mich mein Wissen
zum rechten Zeitpunkt bereit haben, damit das in Erfüllung geht,
was ich mir wünsche: Schenke mir den Sieg in diesem Examen."
(Ich spreche hier bewußt von ’Sieg’ und nicht vom "Bestehen des
Examens", weil ich glaube, daß diese Ausdrucksform angemessener ist.)
Man stellt sich dabei am ehesten in eine Anrufungshaltung, die der Algiz-Rune
entspricht.
Nun sprach ich auf der Seite über die Ritualgrundlagen vom partnerschaftlichen
Verhältnis Mensch - Götter und von der Gabe, die eine Gegengabe wünscht.
Also sollte man diese Mini-Anrufung in einem zweiten Schritt dadurch etwas
ritualisierter gestalten, daß man etwas opfert. Dazu braucht man ein
Trinkhorn und eine Opferschale, im Freien reicht einfach ein Trinkgefäß.
Vor der Anrufung füllt man das Horn und hält es während man spricht
hoch. Dann fügt man ein: "Odin, ich opfere dir diesen herrlich-frischen
Met, den mir ein guter Freund geschenkt hat. Nun schenke ich einen Teil davon dir
und erneuere meine Bitte um Sieg!"
Nun schüttet man einen Teil des Horninhalts in die Opferschale (oder direkt
auf den Boden), sagt "Heil dir, Allvater" und trinkt selbst.
Der Vorteil der Schale ist, daß man sie noch über Nacht stehenlassen
kann, was man auch mit anderen, kleinen Speiseopfern macht. Noch einmal: Alle Wendungen sind nur
als Beispiele zu verstehen, man sollte sich eigene Worte suchen, wenn man sich an die Götter wendet.
So kann es auch sinnvoll sein, einmal in der Woche ein solches kleines
Schälchen mit Bier, Vollmich
oder Speisen vor das Haus zu stellen. Man kann
das als Disen- oder
Albenopfer sehen.
Man kann das so sehen: "Durch diese kleinen Aufmerksamkeiten an die Wesenheiten
um uns halten wir unser persönliches Umfeld in ganzheitlicher Balance
mit den anderen Welten." (Gundarsson, Eldaring)
Man kann weiterhin
morgens und abends kleine, allgemeine Anrufungen machen, wie auf
dieser Seite beschrieben.
Das kann man mit dem Thorshammerzeichen (hamarsmark) abrunden: Man zeichnet
einen Hammer in der Luft vor seinem Körper, wobei ich das so mache, daß ich
den Hammerstiel mit dem Zeigefinger zeichne und den Kopf mit der Faust.
Im Grund genommen ist diese Verbindung aus Anrufung und kleinem Opfer ein
vollständiges Ritual. Bei einem Blot wird das lediglich ausgestaltet, es kommt
z.B. das Hammerritual dazu, mit dem man Donar um die Weihe des Platzes bittet, usw.
Ich rate dazu, ein geplantes Ritual tatsächlich in seinem Ablauf aufzuschreiben
und dann die Schritte (nicht den kompletten Inhalt) auswendig zu lernen.
Im übrigen ist ein Ritual kein Examen, man kann wenig falsch machen und die
Götter haben sicher lieber jemanden, der kraftvoll seine Anrufung spricht, dabei
allerdings mal ein wenig den Text vergißt, als jemanden, der zögerlich und
mit leiser Stimme vom Blatt liest. Zumindest ist das mein Eindruck. :-)