Asentr.eu © V. Wagner 1994-2008 | 25.1.2004

Schamanismus

Der Begriff des Schamanismus wird immer wieder im Zusammenhang mit der germanischen Religion verwendet. Gab es aber Schamanismus bei den Germanen oder eher "para-schamanische" Techniken? Einfache Antwort: klassischen Schamanismus hat es bei den Germanen nicht gegeben. Das würde nämlich ein anderes Weltbild, insbesonder auch eine andere Stellung des Schamanen in der Gesellschaft voraussetzen. J. Blain dazu: "Norse culture was clearly not shamanic: this would have required the shaman to be a central figure within society, even while being viewed ambiguously, whereas seiðrworkers appear in the sagas as marginalized figures, and spae-workers, though respected, are rare."
Über Schamanen, den sibirischen ähnlich, wissen wir also nichts bei den Germanen.

Pferdekopfgiebel

Es gibt jedoch Dinge, die man in den Bereich des Schamanismus deuten kann. Steffen zählt im Zusammenhang mit Odin folgende auf:

  1. Initiation of hanging on the Yggdrasil to find the runes.
  2. His horse, Sleipnir, has 8 hooves as does the horses of Siberian, Murian, and Japanese shamans.
  3. Renowned ability as a shape changer.
  4. Necromancer, consulting the spirits of the dead.
  5. Two familiars, the crows or ravens named Huginn (thought) and Muninn (memory) which bring information from the four corners of the world.
  6. Use of Seidhr, a form of sorcery to foresee the future, normally the realm of women, taught to him by Freya.
[Über den letzten Punkt, Seidhr, kann man streiten; s. meine Magieseite, die klar zwischen Seidhr = Magie und Weissagung trennt.]

Steffen führt weiter aus, daß die Trancearbeit ein wichtiges Kennzeichen von Schamanen sei. Gerade aber Erzählungen von Odin scheinen aus einer solchen Trance heraus zu stammen, s. z.B. die berühmten Zeilen von seinem Selbstopfer am Weltenbaum.

Liest man das Kapitel Ekstasetechniken bei den Germanen in Eliades Klassiker Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, dann wird man viele der oben genannten Punkte wiederfinden: das Opfer am Weltenbaum ("Renner (Pferd) des Ygg") - schon das Besteigen eines Baumes kann als Symbol für eine schamanische Reise gedeutet werden -; das achtbeinige Pferd, in Eliades Worten das "Schamanenpferd par excellence"; Odins Gestaltwechsel (z.B. Ynglingasaga), in welchem Zusammenhang Eliade spekuliert: "Man könnte sogar fragen, ob die beiden Raben Odins, Hugin und Munin, nicht, wenn auch in stark mythisierter Form, zwei ’Hilfsgeister’ in Vogelgestalt sind, welche der Große Zauberer auf schamanische Art zu den vier Enden der Welt entsandte." (Wohingegen eine andere Interpretation in den Raben den Geist des Schamanen sehen will, den er über weite Distanzen aussenden kann.)
Weiterhin ist die Kommunikation mit Toten zu nennen, z.B. das Erwecken der lange toten Seherin, um von ihr Wissen zu erlangen. Eliade schildert in vorhergehenden Kapiteln, daß es für Schamanen durchaus nicht unüblich sei sich auf oder in der Nähe von Gräbern aufzuhalten. Eliade: "Die Toten kennen die Zukunft, sie können das Verborgene enthüllen, usw. Der Traum spielt zuweilen eine ähnliche Rolle ..."
So ist denn auch die in Gylfaginning 48 beschriebene Reise Hermods zu Hel laut Eliade als typisch schamanische zu bezeichnen.

Letzten Endes kommt Eliade dann auch auf Seidhr zu sprechen:
"Viele Züge nähern den seiðr der klassischen Schamanensitzung: die rituelle Tracht, die Wichtigkeit von Chor und Musik, die Ekstase. Doch scheint es uns nicht unbedingt notwendig, den seiðr als Schamanismus im strengen Sinn zu betrachten; der ’mystische Flug’ ist ein ’Leitmotiv’ der allgemeinen Magie und speziell der europäischen Hexenkunst. Die spezifisch schamanischen Themen - Abstieg in die Unterwelt zur Rückführung der Seele des Kranken oder zum Geleit des Abgeschiedenen - sind, wie wir gesehen haben, in den Überlieferungen nordischer Magie bezeugt, ohne aber in der seiðr-Sitzung ein Hauptelement darzustellen. Diese scheint sich im Gegenteil auf die Wahrsagung zu konzentrieren, untersteht also letzten Endes mehr der ’kleinen Magie’."

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