Der Begriff des Schamanismus wird immer wieder im Zusammenhang mit der germanischen
Religion verwendet. Gab es aber Schamanismus bei den Germanen oder eher "para-schamanische"
Techniken? Einfache Antwort: klassischen Schamanismus hat es bei den Germanen nicht gegeben. Das würde
nämlich ein anderes Weltbild, insbesonder auch eine andere Stellung des Schamanen in der
Gesellschaft voraussetzen. J. Blain dazu:
"Norse culture was clearly not shamanic: this would
have required the shaman to be a central figure within society, even while being
viewed ambiguously, whereas seiðrworkers appear in the sagas as marginalized
figures, and spae-workers, though respected, are rare."
Über Schamanen, den sibirischen ähnlich, wissen wir also nichts
bei den Germanen.
Es gibt jedoch Dinge, die man in den Bereich des Schamanismus deuten kann. Steffen zählt im Zusammenhang mit Odin folgende auf:
Steffen führt weiter aus, daß die Trancearbeit ein wichtiges Kennzeichen von Schamanen sei. Gerade aber Erzählungen von Odin scheinen aus einer solchen Trance heraus zu stammen, s. z.B. die berühmten Zeilen von seinem Selbstopfer am Weltenbaum.
Liest man das Kapitel Ekstasetechniken bei den Germanen in Eliades Klassiker
Schamanismus und archaische Ekstasetechnik,
dann wird man viele der oben genannten
Punkte wiederfinden: das Opfer am Weltenbaum ("Renner (Pferd) des Ygg") - schon das
Besteigen eines Baumes kann als Symbol für eine schamanische Reise gedeutet werden -;
das achtbeinige Pferd, in Eliades Worten das "Schamanenpferd par excellence";
Odins Gestaltwechsel (z.B. Ynglingasaga), in welchem Zusammenhang Eliade
spekuliert: "Man könnte sogar fragen, ob die beiden Raben Odins, Hugin und Munin,
nicht, wenn auch in stark mythisierter Form, zwei ’Hilfsgeister’ in Vogelgestalt
sind, welche der Große Zauberer auf schamanische Art zu den vier Enden der Welt
entsandte." (Wohingegen eine andere Interpretation in den Raben den Geist
des Schamanen sehen will, den er über weite Distanzen aussenden kann.)
Weiterhin ist die Kommunikation mit Toten zu nennen, z.B. das Erwecken der lange toten
Seherin, um von ihr Wissen zu erlangen. Eliade schildert in vorhergehenden Kapiteln, daß es
für Schamanen durchaus nicht unüblich sei sich auf oder in der Nähe von
Gräbern aufzuhalten. Eliade: "Die Toten kennen die Zukunft, sie können das
Verborgene enthüllen, usw. Der Traum spielt zuweilen eine ähnliche Rolle ..."
So ist denn auch die in Gylfaginning 48 beschriebene Reise Hermods zu Hel laut Eliade als
typisch schamanische zu bezeichnen.
Letzten Endes kommt Eliade dann auch auf Seidhr zu sprechen:
"Viele Züge nähern den seiðr der klassischen Schamanensitzung:
die rituelle Tracht, die Wichtigkeit von Chor und Musik, die Ekstase. Doch scheint
es uns nicht unbedingt notwendig, den seiðr als Schamanismus im strengen Sinn
zu betrachten; der ’mystische Flug’ ist ein ’Leitmotiv’ der allgemeinen Magie und
speziell der europäischen Hexenkunst. Die spezifisch schamanischen Themen - Abstieg
in die Unterwelt zur Rückführung der Seele des Kranken oder zum Geleit des
Abgeschiedenen - sind, wie wir gesehen haben, in den Überlieferungen nordischer
Magie bezeugt, ohne aber in der seiðr-Sitzung ein Hauptelement
darzustellen. Diese scheint sich im Gegenteil auf die Wahrsagung zu konzentrieren,
untersteht also letzten Endes mehr der ’kleinen Magie’."